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Zeitschrift "Wege für eine BÄUERLICHE ZUKUNFT"

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SOLIDARISCH LANDWIRTSCHAFTEN! JEDLERSDORF

 

Vom Entstehen und wachsen eines emanzipatorischen Projekts

 

 

SoliLa! – eine Idee, die zum Schlaraffengarten wurde. Am 17. April 2012 besetzten ca. 100 Menschen den von der BOKU gepachteten ehemaligen Versuchsgarten in Jedlersdorf (3,6 ha). In den folgenden Tagen entstand das partizipative Landwirtschaftsprojekt SoliLa! (Solidarisch Landwirtschaften! Jedlersdorf).

VON SOLILA!

 

Mit der gewaltsamen Räumung am 26. April wurde das, in bisherigen Projekten von Studierenden, Lehrenden und anderen Interessierten Auf- und Angebaute, zerstört. Eine Betroffene zu diesen Geschehnissen: Die Räumung steht sinnbildhaft für eine Zukunft, die uns genommen und verbaut werden soll: Während alle partizipativen, ökologisch-nachhaltigen Projekte zerstört wurden, bleibt einzig der Gentechnikversuch bestehen. Zugleich soll der fruchtbare Boden in naher Zukunft verbaut werden. Wir werden uns weiterhin für eine wirklich zukunftswürdige Stadtlandwirtschaft einsetzen.

 

Jedlersdorf Versuchsgarten – eine Geschichte der Partizipation

Die Geschichte der BOKU Versuchsflächen in Jedlersdorf ist auch eine Geschichte partizipativer Gemeinschaftsprojekte, in denen Natur und Landwirtschaft aus nächster Nähe erfahrbar gemacht und mitgestaltet werden konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Universität für Bodenkultur, einige Hektar fruchtbares Land für Gemüse und obstbauliche Forschungszwecke, in bestem Einvernehmen mit der Nachbar_innenschaft, zu nutzen. Jahrzehntelang wurden die anfallenden Ernten in der helfenden Nachbar_innenschaft verteilt. In den letzten Jahren wurde die Möglichkeit, das Land zu nutzen, durch restriktiver werdende rechtliche Rahmenbedingungen immer mehr Menschen verwehrt. Mit dem Argument der fehlenden Effizienz sollte die Fläche schließlich an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) zurückgegeben werden. Einzig die Übersiedlung des Saranhauses, in dem der Gentechnikversuch durchgeführt wird, sollte noch abgewartet werden. Ein Hektar war bereits in Bauland umgewidmet. Der Logik der dominanten Stadtentwicklung folgend, stand auch die Umwidmung und Verbauung der restlichen Fläche im Raum. Mit großem persönlichem Einsatz von Studierenden und einigen wenigen Lehrenden der BOKU wurde in den letzten Jahren immer wieder versucht, eine direkte Kooperation zwischen Wissenschaft und Nachbar_innenschaft aufrecht zu erhalten. Außerdem entstanden Gartenprojekte für Schüler_innen, Studierendengärten und das Projekt Großstadtgemüse (GSG). Im Herbst 2011 versuchten zuletzt mehrere Gruppen von Menschen eine weitere gemeinschaftliche und landwirtschaftliche Nutzung der Gemüseanbauflächen durch verschiedenste Projektvorschläge zu erreichen, doch ohne Erfolg. Auf die Anfragen verwiesen die Verantwortlichen von BOKU und BIG jeweils auf den anderen und niemand wollte mehr zuständig sein. So wurden konstruktive Verhandlungen unmöglich, das Landwirtschaftsjahr schritt immer weiter voran und eine Nutzungsmöglichkeit der Brachfläche schien in weite Ferne gerückt. Die Geschichte der Fläche zeugt von einem großen Potential alternativer Landwirtschaftsformen. Darum entschieden letztendlich die Besetzer_innen, ihr Recht auf Land selbst in die Hand zu nehmen.

 

Die Entstehung eines Schlaraffengartens

Das Recht auf Land, eines der Themen, mit denen sich die Besetzer_innen auseinandersetzen, wurde am 17. April, dem Tag des kleinbäuerlichen Widerstandes, umgesetzt. Rund 60 Menschen stiegen trotz Polizeiaufgebots über den Zaun und begannen umgehend, die Fläche wieder zu bewirtschaften. In den folgenden Tagen entstand ein Schlaraffengarten. Dieser wurde kollektiv von den verschiedensten Menschen, die aus verschiedenen Gründen einen Raum wie diesen mitgestalten wollten, geplant und umgesetzt. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich um Infrastruktur, Landwirtschaft und Kontakt nach außen kümmerten. Vorgezogene Pflanzen sowie Saatgut wurden ausgebracht und neue Äcker umgestochen. Im Sinne einer nachhaltigen Lebensweise wurde ein Kompostklo errichtet und sorgsam über den Verbleib des potentiellen Düngers nachgedacht. Es entstand ein kleines Zeltlager und das vorhandene leere Glashaus wurde wohn- und nutzbar gemacht, sodass es hier einen Gemeinschafts-, Plenar- und Informationsraum sowie Möglichkeiten zum Vorziehen gab. Es entstanden eine Saatgut-Tauschbörse, ein kleiner Kost-nix-Laden und eine Kreativ- Ecke. Die Volx-Küche wurde u. a. mit Spenden einiger biologischer Höfe Wiens bestückt, sodass immer abwechslungsreich und gesund gekocht werden konnte. Kinder, Nachbar_innen und Menschen aus verschiedenen Teilen Wiens kamen täglich in den Garten um an dem vielfältigen Projekt mitzuwirken. Unter anderem gab es mit dem regelmäßig stattfindenden Nachbar_innen-Café die Möglichkeit, sich gegenseitig und das Projekt kennenzulernen und Ideen auszutauschen. Einzelne Nachbar_innen legten kleinere Parzellen an, mit anderen fanden Unterhaltungen durch den Gartenzaun statt. Es schien so, als stieße das Projekt auch hier im Viertel auf Sympathien. Viele äußerten, wie gut es sei, die Fläche vor der Bebauung zu retten und zeigten sich – trotz anfänglicher Skepsis gegenüber der bunten Lebensweise – mit dem Schlaraffengarten SoliLa! solidarisch. Das große Interesse von Nachbar_innen, lokalen Politiker_innen und Presse wurde mit Freuden seitens der Besetzer_innen begrüßt. Weiterhin wurden Gespräche mit Boku und BIG gesucht. In diesem gemeinschaftlichen Raum SoliLa! wurde in dieser Zeit nicht nur miteinander gehacklt, gebaut, diskutiert, Pläne geschmiedet, gekocht, gegessen und musiziert, sondern es fand sich eine kleine Gemeinschaft, die viel voneinander zu lernen hatte und in der Träume und ganz konkrete Ideen eines selbstbestimmten, zukunftsfähigen Lebens großes Potential zu haben schienen.

 

SoliLa!

Die Idee einer Solidarischen Landwirtschaft ist es, kollektiv eine selbstbestimmte Lebensmittelproduktion zu verwirklichen, bei der ein anderes Verhältnis von Konsumierenden und Produzierenden verwirklicht wird. Es wird auf Augenhöhe miteinander gearbeitet und konsumiert. Was bedeutet es, wenn Stadt und Land, sowie Produktion und Konsum, strickt getrennt werden? Wie können wir uns in einer Zeit von real existierendem Kapitalismus, Massenproduktion und der damit in Zusammenhang stehenden Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen, Zerstörung von ökologischer Vielfalt, Bodenauslaugung, chemischen Spritz- und Düngemitteln sowie Gentechnik gesund ernähren und gleichzeitig globale Gerechtigkeit praktizieren? Oder ganz einfach: Wie wollen wir miteinander leben, in was für einer Welt wollen wir leben? Das sind zentrale Fragen der Motivation, die hinter dem Projekt stehen. Die SoliLa! möchte im Kleinen eine alternative Produktions- und Lebensweise verwirklichen und so ganz konkret in der kleinen Nachbarschaft Jedlersdorf aufzeigen, wie es auch gehen kann. Hier wollen wir uns der Marktlogikentziehen und für das Recht auf kooperative,kollektive, autonome, bedürfnisorientierte, kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduktion in Stadt und Land einstehen. Gleichzeitig fordert die SoliLa! damit den Stopp der Stadtverdichtung zu Lasten von Grün-, Landwirtschafts- und selbstbestimmten Räumen (täglich werden 15 ha fruchtbaren Landes in Österreich verbaut oder versiegelt), sowie Ernährungs-, Saatgut- und Landsouveränität.

 

Gewaltsame Räumung – doch wir wachsen weiter!

Am 26. April 2012 wurde den friedvollen Besetzer_innen von Jedlersdorf der Boden für eine nachhaltige und solidarische Landwirtschaft vom Rektorat der BOKU gewaltsam entzogen. Dieses beauftragte private Sicherheitskräfte der Firma Hel-Wacht, die NICHT den Regeln einer polizeilichen Räumung unterliegen, die Besetzer_innen zu entfernen. Durch schwammig formulierte Regeln können gewaltsame Übergriffe nicht verfolgt werden. Im Vorhinein entschieden sich die Besetzer_innen bereits, das Gelände geschlossen und friedlich zu verlassen. Als jedoch mit der nicht angekündigten Zerstörung des Eigentums von Großstadtgemüse begonnen wurde, solidarisierten sich die Besetzer_innen spontan und halfen, deren Hab und Gut an den Rand des Geländes zu bringen. Dabei kam es zu massiven Gewaltausschreitungen von Seiten der Firma Hel-Wacht. Die Stellungnahme des Rektorats der BOKU, in der betont wird, die Räumung sei gewaltfrei, friedlich und ohne Zwischenfälle geschehen, wurde bis dato nicht richtig gestellt, obwohl es von Seiten der SoliLa! eine Anfrage diesbezüglich gab – mit dem Vorschlag und der Bemühung um eine gemeinsame Richtigstellung, um damit einen konstruktiven Versuch zu machen und auch in Zukunft eine Gesprächsbasis zu gestalten. Die Vorgänge sind gut dokumentiert und Anzeigen gegen Einzelpersonen der Hel-Wacht wären möglich. Doch die Idee der SoliLa! kann dadurch nicht zerstört werden. Es ist ein großes Netzwerk entstanden, das täglich weiter wächst und Früchte trägt. Am 15. Mai schufen wir in einer Ideenwerkstatt die Möglichkeit, gemeinsam an Visionen zu basteln und uns weiter zu vernetzen. Zudem finden derzeit mit allen Beteiligten Verhandlungen über eine Zwischennutzung der Fläche statt. Schön ist, dass sich nun auch eine CSA-Initiative aus der Nachbar_innenschaft einklinkt. Am 28. Juni gab es zudem einen SoliLa!-Aktionstag, zu dem alle herzlich eingeladen waren! (Genauere Infos auf 17april.blogsport.eu)

 

Weiterhin sind alle willkommen, sich in das Projekt einzubringen! Wer auf die Mailingliste möchte, schreibt an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

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