Nyeleni Europe 2011
Einmal Nyéléni und zurück – in die Zukunft von Florian Walter
Wer zu spät kommt versäumt zwar den Anfang, aber nicht wie´s ausgegangen ist, hab ich mir gedacht, als ich mich dafür entschieden habe, die ersten 2 Tage des Forums am Traktor sitzend und heuerntend zu verbringen. Das schöne Wetter ausnützen, Bauernpflicht!
Ich stürzte mich also ziemlich unvorbereitet in ein buntes Treiben von hunderten Menschen, bekannten und unbekannten Gesichtern , die umherliefen, in seltsamen Sprachen redeten, aßen , zielgerichtet herumschlenderten , sich vereinten und wieder auseinandergingen und das alles obendrein auch noch so ernst nahmen, dass sich mir die Frage aufdrängte: Was bitte machen die da alle?
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Schwerpunkt "GAP's uns net.."
Was soll die GAP uns Frauen bringen? von Judith Moser-Hofstadler
Sie muss „umweltfreundlicher, gerechter, effizienter und wirkungsvoller“ sein die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU, so sagte Agrarkommissar Dacian Ciolos im Juli 2010. Die europäische Landwirtschaft soll nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch wettbewerbsfähiger sein. Die Unterstützung benachteiligter Betriebe ist für ihn für die Zukunft ganz konkret vorgesehen.
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Schwepunkt: Zeitsouveränität
"ZEITSOUVERÄNITÄT" von Wolfgang Spitzmüller
Als Aus- bzw. Um-oder Einsteiger in die
Landwirtschaft, war ein kleiner Aspekt wohl auch der Faktor Zeit und deren
Selbstbestimmung. Sein eigener Chef sein und somit auch alles selbst einteilen,
bzw. selbst bestimmen. So dacht ich mir das am Anfang sehr idealistisch -
glücklicherweise idealistisch - sonst hätt ich möglicherweise nicht, oder
anders angefangen.
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Schwerpunkt "Kann bäuerliche Landwirtschaft die Welt ernähren?"
Biologische Landwirtschaft = bäuerliche Landwirtschaft? von Reto Sonderegger
Sekretär Uniterre und ab
Juli 2011 Biobauer im Nordosten Argentiniens
Auf den ersten Blick
scheint ja meistens alles klar zu sein. Natürlich ist biologische
Landwirtschaft bäuerliche Landwirtschaft. Was soll also das Fragezeichen im
Titel? Als Biobauern arbeiten wir mit der Natur zusammen und nicht gegen sie
und vor allem achten wir auf möglichst geschlossene Kreisläufe auf unseren
Betrieben. Dennoch wirft die Entwicklung des Biolandbaus spätestens seit dem
Eintritt der grossen Supermärkte in die Biowelt einige Fragen auf, die wir hier
behandeln wollen, um eine selbstkritische Reflexion zu fördern.
Der energetische und
stoffliche Kreislauf auf dem Hof ist ein ideal, das in der Wirklichkeit nie
erreicht werden kann. Denn als ProduzentInnen von Lebensmitteln verlassen diese
unseren Hof, um andere Menschen zu ernähren. Doch das Loch kann grösser oder
kleiner sein. Auch die biologische Landwirtschaft, zumindest in der industrialisierten
Nordhemisphäre, ist auf viele Inputs von aussen angewiesen. Wenn heute im
Zusammenhang von Peak Oil über unsere erdölabhängige Gesellschaft nachgedacht
wird, können wir uns auch als Biobauern nicht mehr herausnehmen. Schliesslich
leben wir ja nicht in einer Seifenblase über dieser Welt, sondern stehen mitten
in ihr drin, mit beiden Füssen auf dem Boden.
Lange ist es her, dass das Erdöl die Zugtiere
als Zugkraft abgelöst haben. Ebenso lange ist es her, das die Energie für die
Zugkraft nicht mehr auf dem Hof produziert wird. Der Einzug des Erdöls in die
Landwirtschaft hat zu einer enormen Rationalisierung der Agrarproduktion
geführt und abertausende Menschen aus dem Primärsektor herausgespuckt. Von den
noch heute agrarpolitisch hochgehaltenen Familienbetrieben ist nicht viel
übriggeblieben. Häufig haben wir heute einen Einmann- oder Einfraubetrieb, bei
dem der Partner oder die Partnerin auswärts arbeitet, um den Hof zu
finanzieren, weil die Produzentenpreise derart in den Keller gefallen sind. Mit
der Umstellung auf Traktorzug wurde viel ehemalige Futterfläche für die
Zugtiere frei. Das bedeutete meistens eine Intensivierung dieser Flächen, von
denen viele extensive Wiesen für die Pferde waren. Diese Wiesen wurden
intensiver gedüngt, um konzentrierteres Futter für die Kühe zu bekommen, oder
zu Ackerland umgebrochen. Damit einher ging ein Verlust der Artenvielfalt, aber
auch der Verlust traditionellen Wissens, welches von Generation zu Generation
weitergegeben worden war. Wer kann heute noch zweispännig pflügen oder nur
einfachste Arbeiten mit einem Pferd ausführen? Auch wir Biobäuerinnen und
Bauern sitzen in der gleichen Falle wie die Restgesellschaft. Wie produzieren
wir, wenn uns der Oelhahn zugedreht wird? Sollten wir uns nicht jetzt schon auf
eine postfossile Landwirtschaft einstellen? Wie ist so ein Einstieg in den
Ausstieg, in eine Uebergangsphase überhaupt wirtschaftlich möglich? Eine
Bewegung in die Richtung wird nur möglich sein, wenn sich die
Gesamtgesellschaft in diese Richtung bewegt. Dennoch können wir Bauern und
Bäuerinnen eine Vorreiterrolle in diesem Prozess wahrnehmen, in der wir
versuchen müssen möglichst viele andere Menschen zu überzeugen und auf unserem
Weg mitzunehmen.
Eine weitere
Vergrösserung des Lochs im Stoffkreislauf des Hofes waren und sind die
Futtermittelzukäufe. Früher war der Tierbestand eines Hofes auf die
Futterproduktionskapazität abgestimmt. Bäuerliche Landwirtschaft war zwingend
Kreislaufwirtschaft und bodenabhängig. Die zunehmenden Futtermittelimporte
führten zu überhöhten Tierbeständen, deren Mist und Gülle die knappen Felder
und Wiesen überdüngten und zu Nitrat im Trinkwasser und Phosphorproblemen in
den Gewässern führten. Diese Probleme hat man heute in der Schweiz mehr oder
weniger im Griff. Dennoch ist die Abhängigkeit von Futtermittelimporten
augenscheinlich, auch im biologischen Landbau. Von den Eiweissträgern im
Kraftfutter werden 97% importiert, bei den Futtergetreiden etwa drei Viertel.
Wir stehen vor dem Problem, dass wir mit Tieren arbeiten, die wir nicht mehr
selber, also hofeigen, füttern können. Am extremsten ist dies wohl in der
Hühnerhaltung der Fall. Auch im Bio wird mit der gleichen Genetik gearbeitet,
mit Doppelhybriden für Eier und Mast, die im Besitz von zwei oder drei
Multinationalen Konzernen sind, und die ihre Hochleistung nur bringen, wenn sie
auch entsprechend gefüttert werden. Nicht nur schlüpfen keine süssen Küken auf
unseren Betrieben, wie uns die Werbung manchmal weis machen will, sondern auch
ein grosser Teil des Futters kommt von weit her: Soja aus Brasilien und
Maiskleber aus China sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Auch die
Handelsdüngemittel reissen den Stoffkreislauf weiter auf. Zwar sind im
biologischen Landbau synthetische und mineralische Dünger verboten, dennoch
gibt es ein Angebot in Hülle und Fülle, da der wirtschaftliche Druck immer mehr
zunimmt und die ehemaligen Allrounderbetriebe immer weiter in Spezialisierungen
zwingt, was oft auch die Aufgabe der Viehhaltung und somit des traditionell
gemischten Betriebes bedeutet. Dass die Bio-Hilfstoffliste mittlerweilen 115
Seiten umfasst und man problemlos auch Produkte von Syngenta und Bayer finden
kann, wirft weitere Fragen auf. Der Biolandbau, der sich historisch gegen die
Industrialisierung und Chemisierung der Landwirtschaft wehrte, ist heute selber
zu einem interessanten Markt für die weltweit dominierenden Agrokonzerne
geworden. Während Syngenta in Südamerika weiter in Europa verbotene Mittel
verkaufen und für eine Agrarreform kämpfende Kollegen der brasilianischen Landlosenbewegung
ermorden lassen kann[1],
verkaufen sie uns hier Schwefel- und Kupferprodukte für den biologischen
Pflanzenschutz und verweisen auf ihr Engagement für den Biolandbau mit ihrer
Nachhaltigkeitsstiftung.[2]
Ebenso fragwürdig sind die Guanoexporte (Vogeldung von den Klippen der
Pazifikküste) aus Peru für die europäische Biolandwirtschaft oder Hobbygärtner.
Anstatt Tausende von Kilometern zurückzulegen, könnte dieser Dünger helfen, die
ausgelaugten Böden in den Berggebieten und Hochebenen der Anden zu beleben.
Bedenklich ist auch, wie
sich eine konventionelle Denkweise im Biolandbau eingenistet hat und zur
Mehrheitsmeinung geworden ist. Gibt es ein Pflanzenschutzproblem, wird der
Schädling oder die Krankheit gesucht, um ihn direkt zu bekämpfen. Immer weniger
wird versucht, Pflanzenschutz- oder Gesundheitsprobleme ganzheitlich zu
ergründen und antworten zu suchen. Diese Inputabhängigkeit hat in Südamerika
auch dazu geführt, dass sich ländliche soziale Bewegungen vom Biolandbau
abgewendet und sich der „Agroecología" zugewandt haben. Sie wollen möglichst
unabhängig und selbstbestimmt produzieren und leben und die Früchte ihrer
Arbeit in ihrem Land absetzen und nicht transatlantische Nischenmärkte
besetzen. Denn nur indem sie ihre
gesellschaftliche Wichtigkeit und Notwendigkeit in ihrem eigenen Land unter
Beweis stellen können, werden sie ihre gesellschaftliche Lage verbessern. Wie
die Biopioniere sehen die Exponenten der Agrarökologie die Lösung in der
Schaffung eines durch hohe Artenvielfalt stabilen Agarökosystems. Ein System,
welches sich in sich selber ausgleicht und stabilisiert. Doch der Trend zur
Spezialisierung und Monokulturalisierung wegen des wirtschaftlichen Druckes
geht in die entgegengesetzte Richtung. Um diese Entwicklung umzukehren, muss
man Strategien entwickeln, die über den bäuerlichen Tellerrand hinaussschauen
und die ganze Gesellschaft grundlegend transformieren.
[1] http://www.mst.org.br/node/4890
[2] https://www.fibl-shop.org/shop/pdf/1032-betriebsmittelliste.pdf und http://www.syngentafoundation.org/index.cfm?pageID=361
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Schwerpunkt "Jugend in der Landwirtschaft"
Agrarpolitisches
Sommerspektakel
Von Magdalena
Heuwieser
Gekürzt von Karin
Okonkwo-Klampfer
Eine Gruppe junger
Leute zieht mit Traktor, Theaterwagen und Fahrrädern durch Oberösterreich und
bietet Spektakuläres zur Frage, was wir 2020 essen werden.
Der Traktor
rattert den Hügel hinauf und kommt mit seinem großen, bunt bemalten Anhänger
vor einem Bauernhof zum Stehen. Schnell sind die nachkommenden Fahrräder an das
Vehikel gelehnt. Wir läuten an der Türglocke. Eine ältere Frau steckt kurz
darauf den Kopf aus dem Eingang und begutachtet die vor ihr stehende Truppe
junger Menschen.
„Guten Tag,
wir sind vom Agrarpolitischen Sommerspektakel und wollten‘s für die heutige
Abendveranstaltung einladen!" Wir strecken der Bäuerin einen Flyer entgegen und
erklären unseren Besuch. Für drei Wochen, von 18. Juli bis 11. August, touren
wir mit Traktor, Theaterwagen und Fahrrädern durch Oberösterreich und führen
jeden zweiten Tag an verschiedenen Orten ein agrarpolitisches Sommerspektakel
auf. Es geht um die Frage „Was essen wir 2020?", also um die Zukunft unserer
Nahrung und Landwirtschaft. Anlass ist die bevorstehenden Reform der GAP, der
Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union, im Jahr 2013.
Landwirtschaft
in Oberösterreich
Was sie denn
für einen Betrieb habe, fragen wir die Bäuerin. „Mutterkuhhaltung, 20 Rinder
und 30 Hektar Fläche," erklärt sie. Früher hatte sie zehn Milchkühe, Hühner und
einen Gemüseacker und produzierte Topfen, Butter und hin und wieder Fleisch
selbst am Hof. „Schön war‘s, sich selbst von den eigenen Sachen versorgen zu
können." Aber das gehe jetzt nicht mehr, meint sie und schüttelt den Kopf. In
dieser Größe sei der Betrieb ein Auslaufmodell, behaupte zumindest die
Landwirtschaftskammer. Wir begegnen aber auch viel Kampfgeist und Zuversicht auf
unseren Touren, Höfe mit ungewöhnlichen Betriebszweigen und agrarpolitisch
aktive LandwirtInnen.
„Und was
passiert da heute Abend beim Agrarpolitischen Sommerspektakel?" will die
Bäuerin, die uns inzwischen frischen Most angeboten hat, wissen. „Erst gibt's
Kinderprogramm, ab 20 Uhr die Abendveranstaltung mit Film, Theater, Diskussion
und Essen." Ob sie denn selbst produzierte Lebensmittel beisteuern könne,
bitten wir sie. Daraus wollen wir den „Abendschmaus" für die Veranstaltung
zubereiten. Wir bekommen Kartoffeln aus dem Garten hinterm Haus, einen Kohlkopf
und einen selbstgebrannten Schnaps obendrein. Die Bäuerin kündigt an, sie komme
am Abend und schicke die Enkel zum Kinderprogramm. „Das ist mal was Neues, das
schau ich mir an."
Wir ziehen
von Bauernhof zu Bauernhof, bis alle Flyer verteilt und genügend Lebensmittel
für die Abendveranstaltung gesammelt sind. Dann wird's auch schon Zeit diese
vorzubereiten.
Reges
Treiben herrscht auf dem Bauernhof, wo wir diesmal untergebracht sind. Bei den
anderen Stationen sind es Dorfplätze, Pfarrheime oder Gasthäuser. An jedem Ort
hatten Kontaktpersonen, meist selbst Bäuerinnen und Bauern, für Zeltplatz und
Veranstaltungsort gesorgt und die Werbetrommel gerührt.
Das Wetter
ist wechselhaft. Wir entscheiden uns vorsichtshalber für die trockene Scheune
als Veranstaltungsort. Bierbänke werden aufgestellt, die Theaterrequisiten
zusammengesucht und in einer Ecke bereiten einige auf Gaskochern vegetarisches
Gulasch, Dinkelreis und andere Leckereien zu. Nebenan haben sich schon Kinder
eingefunden und lauschen (oder: horchen ... zu) der Geschichte von Hanna, der
Bäuerin, betasten im „Fühlsack" Gemüse und Obst und beschäftigen sich
spielerisch mit dem Thema Nahrung und Landwirtschaft. Schließlich trudeln die
Erwachsenen ein und die Abendveranstaltung kann losgehen.
Die junge
Moderatorin begrüßt das bunt gemischte Publikum, das sich in der Scheune eines
Bauernhofs zusammengefunden hat: Kinder, Erwachsene, Bäuerinnen und Bauern von
kleinen Höfen oder von Intensivbetrieben sowie Konsumentinnen und Konsumenten
sitzen unter einem Dach zusammen und hören gespannt zu, als sich die
Spektakel-Gruppe vorstellt. Die SommerspektaklerInnen sind in
globalisierungskritischen Bewegungen engagiert und wollen erfahren, wie
Menschen am Land die Situation der Landwirtschaft beurteilen.
Keine
leichte Kost
Dass das
Sommerspektakel keine der üblichen Frontalveranstaltungen ist, wird dem
Publikum bald klar. Nach einer interaktiven Vorstellungsrunde und einem
Bewegungsspiel gibt es ein gemeinsames Abendessen aus Lebensmitteln aus der
Region, die zuvor von den SommerspektaklerInnen an Bauernhöfen gesammelt
wurden. Das als Spiel gestaltete Essen stellt die globale
Verteilungsungerechtigkeit dar. Den Gästen werden Rollen zugelost, nach denen
sich die Portionsgröße richtet. Der Bauernbund-Obmann beäugt als
brasilianischer Landloser griesgrämig seine zwei Kartöffelchen, während ein
südafrikanischer Weingutbesitzer meint, das Problem erkannt zu haben, und
begeistert einen Teil seiner Portion auf den Teller seiner benachbarten
honduranischen Kleinbäuerin schiebt. Bald bemerken die noch hungrigen
BesucherInnen, dass auf dem Buffet ein „Ernährungssouveränitäts-Schöpfer"
liegt, mit dem sie sich selbstbestimmt bedienen können.
Nachrichten-Theater
„Die ZIB
beginnt gleich!" ruft nach einer halben Stunde die Moderatorin. Eine
Theatergruppe sitzt schon, verkleidet als Familie, am Esstisch auf der
provisorischen Bühne und wartet darauf, dass die Nachrichten beginnen. Vater,
Mutter, die genervte Tochter und der altkluge Sohn, der strickende Großvater im
Schaukelstuhl und die Oma, die angeheitert vom Wirtshaus zurückkommt. Sogleich
entbrennt eine Diskussion über die Berichte in der Nachrichtensendung. Unmengen
an weggeworfenem Brot, Europäische Agrarpolitik und deren Auswirkungen auf
Märkte in Ländern des Globalen Südens. Wütend sträubt sich der Vater dagegen,
dass der Sohn mit der „Biosprit-Lüge" aufräumt. Die seinen Teller zierende Hendlbrust
muss er verteidigen, als sich die Tochter über seinen übermäßigen Fleischkonsum
aufregt. Der Opa im Schaukelstuhl erinnert sich an alte Zeiten, in denen alles
besser war. „Wir ham doch damals scho gsagt: Hunger ist kein Schicksal, sondern
Hunger ist gemacht!" Und er liest aus der Zeitschrift der Österreichischen
Bergbauern und Bergbäuerinnen Vereinigung die Definition des Konzepts der
Ernährungssouveränität vor: „Ernährungssober... saber... hrm,
Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell
angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie
ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der
Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen." Doch der
Vater will noch nicht verstehen. Erst, nachdem er hört, dass schon über eine
Milliarde Menschen auf der Welt hungern, meint er nach einem Verdauungsschnaps:
„Ja, dann müssen wir uns doch eigentlich fragen, wer und was verhindert, dass
alle Zugang zu Nahrung haben. Und was können wir dagegen tun?"
Diese Frage
ist Ausgangspunkt für die anschließende Diskussionsrunde. Fast bis Mitternacht
sitzen alle im großen Halbkreis beisammen und tauschen sich angeregt über
Globales und die Situation vor Ort aus, benennen Probleme und tüfteln an
Handlungsmöglichkeiten.
Die Mischung
aus ProduzentInnen und KonsumentInnen, Bio-Bäuerinnen, Bio-Bauern und
konventionellen LandwirtInnen von Intensivbetrieben, Studierenden, sowie jungen
und älteren Menschen vom Land und aus der Stadt sorgt überall stets für
vielfältige Diskussionen. Je nach Ort, Erfahrungen und Anzahl der Gäste
variieren die Inhalte sehr. Andere Themen tauchen immer wieder auf.
Wachsen
oder Weichen?
Des öfteren
ist in den Diskussionen starke Resignation und ein Ohnmachtsgefühl der
LandwirtInnen in Oberösterreich gegenüber den übermächtig erscheinenden Dimensionen
des Weltmarkts und der globalisierten Agrarindustrie zu spüren. Stets wird
berichtet von unzähligen Nachbarhöfen, die in letzter Zeit ihre
Landwirtschaften aufgegeben haben und ihre Flächen verpachten mussten. Viele
LandwirtInnen äußern selbst die Sorge, bald aufhören zu müssen, da ihr Hof kaum
Zukunftschancen für ihre Töchter und Söhne bieten könne. So sterben immer mehr
kleine Bauernhöfe aus, während in anderen Regionen und Ländern wenige große
Intensivbetriebe entstehen. Selten finden sich noch Vollerwerbs-Betriebe in der
Gegend. Ohne über mehrere ökonomische Standbeine zu verfügen, sei es kaum
möglich den teuren Hof in Stand zu halten und genügend Einkommen zu
erwirtschaften. Die Direktvermarkung als Standbein werde wegen der strengen
EU-Hygiene-Standards immer schwieriger. Eine Bäuerin beklagte sich, sie dürfe
laut Vorschriften keine Butter mehr im Holzfass produzieren, da dies
lebensgefährlich sei. Hinzu komme, dass die Exportsubventionen der EU auch die
Landwirtschaft in anderen Ländern zerstöre.
Der
„richtige Konsum" als Allheilmittel?
Sich als
KonsumentInnen identifizierende BesucherInnen sehen das Problem hauptsächlich
in den großen Supermarkt-Strukturen mit Diskont-Preisen und in der fehlenden
Wertschätzung von Nahrungsmitteln und Landwirtschaft. Die damit
zusammenhängende entfremdete Beziehung zwischen KonsumentInnen und
ProduzentInnen ist stets wichtiges Thema. Angesprochen werden alternative
Formen der Direktvermarktung, wie beispielsweise Hofläden, Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften
wie „Foodcoops" (1), oder die sogenannte „Community Supported Agriculture" (2).
Ob über diese reine Identifikation auf das KonsumentInnen-Dasein und die daraus
resultierende eingeschränkte Handlungsperspektive hinaus andere Möglichkeiten
erkannt werden, variiert von Ort zu Ort.
Lebensgefährliche
Butter aus dem Holzfass
Meist wird die
Verantwortung für die Probleme auf höhere Ebenen abgeschoben, wie auf „die
Agrarpolitik" und die Interessensvertretung, hauptsächlich auf den Bauernbund.
Diese Auslagerung an „die da oben", „an die Politik" birgt jedoch die Gefahr,
sich selbst in eine passive Rolle zu schieben und handlungsunfähig zu machen.
Teilnehmende der Spektakel-Gruppe, immer wieder auch BesucherInnen, setzen die
Hoffnung jedoch auf eine Veränderung der bestehenden Machtstrukturen und
Kräfteverhältnisse, auf Druck von unten.
„Wir müssen
im Kleinen von unten her unsere Zukunft gestalten. Wir müssen auch mal wieder
sagen: Es reicht! Ziviler Ungehorsam ist gefragt!", so lauten die motivierenden
Aufrufe eines Bauern in Arnreit. Auch eine kreative Lösung für das Problem mit
der Holzfass-Butter kommt hier auf, die lautes Gelächter und Klatschen erntet:
„Naja, auf den Zigarettenschachteln steht ja auch drauf, es ist tödlich. Dann
schreiben wir das halt auf die Butter auch drauf 'Vorsicht Lebensgefahr -
Butter aus dem Holzfass!'. Da kann die Lebensmittelpolizei überhaupt nichts
machen!"
Der Abend
endet schließlich in einer nächtlichen Feuershow mit Musik und in kleinem
Kreise wird bei Bier und Saft gemütlich weiter geschwatzt.
Bilanz
Sommerspektakel
Die
angeregten Diskussionen und die positiven Reaktionen der BesucherInnen des
Spektakels zeigten die Notwendigkeit, Räume zu schaffen für gemeinsame
Diskussionen zwischen Bäuerinnen, Bauern und KonsumentInnen, verschiedenen
Interessensgruppen, im ländlichen sowie städtischen Raum.
„Veränderung
findet im Kleinen statt", hieß es in Arnreit. „Wir brauchen nicht warten, bis
„die da oben" was machen. Wir sollten anfangen, uns auf kleiner Ebene zu
vernetzen." Das Sommerspektakel war ein Beitrag dazu.
Anmerkungen:
(1)
Foodcoops sind Lebensmittelkooperativen, die ihre meist biologischen saisonalen
Lebensmittel direkt von lokalen ErzeugerInnen beziehen. In Wien gibt es
inzwischen drei davon, siehe z.B. http://www.bioparadeis.org
(2)
Community Supported Agriculture (CSA) ist ein Kooperationskonzept zwischen
ErzeugerInnen und einer Gemeinschaft von BezieherInnen von Lebensmitteln, das
umwelt- und sozialverträgliches Landwirtschaften ermöglicht und die klassische
Trennung von KonsumentInnen und ProduzentInnen aufzuheben versucht. In
Österreich ist ein CSA-Projekt gerade am Entstehen:
http://ochsenherz.at/csa.html
Webtipp: http://sommerspektakel.posterous.com
Die
Autorin Magdalena Heuwieser studiert Internationale Entwicklung in Wien und war
Teilnehmerin des Agrarpolitischen Sommerspektakels. Wir danken der Grünen
Bildungswerkstatt Wien für die Genehmigung des Abdrucks.
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Schwerpunkt "Gewalt gegen Frauen"
NaturGEWALTen von Maria Vogt
Das internationale Bäuerinnenseminar von
Via Campesina Europa vor einem Jahr in Galizien stand unter dem Thema „Gewalt
gegen Frauen am Land". Es brauchte einige Diskussionen unter uns Frauen aus den
verschiedenen Ecken Europas, um hinter diesen, oft nur mit physischer Gewalt
besetzen Begriffes, zu schauen. Denn eigentlich sind wir ja (per Gesetz)
gleichberechtigt, oder?
Mir hat bei diesem Seminar besonders ein
Folder für Frauen am Land mit dem Titel: Facemos un bo trato (Wir wollen eine
gute Behandlung/Gleichgerechtigung) von den galizischen Frauen der SLG
beeindruckt. In sehr einfacher Form wird darin Gewalt gegen Frauen
thematisiert, mit Fragen wie: Was ist schlechte Behandlung und welche
Verhaltensweisen können als Missbrauch angesehen werden, wie etwa: Wirst du als
Person und wird deine Meinung respektiert? Im Frauenarbeitskreis der ÖBV-Via
Campesina Austria arbeitete dann bald eine kleine Arbeitsgruppe zu diesem Thema
und das Ergebnis ist unter anderem ein Video Clip, der unter „Klappe auf!" auf
der Internetzeitung dieStandard.at ab
Anfang Dezember im Rahmen der Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen" läuft
(siehe Kasten/Hinweis wird von Karin
geliefert). Wir beschlossen, uns auf Fragen der ökonomischen Gewalt gegen
Bäuerinnen zu beschränken. Sehr schnell hatten wir im AK konkrete Bäuerinnen
vor Augen, die wir persönlich kennen, und an Hand von Beispielen konnten wir
die Gewalt und fehlende Gleichberechtigung
benennen. Viele selbstbewusste Bäuerinnen suchen mit ihrem Partner einen
gleichberechtigten Lebensweg, aber erschreckende viele Bäuerinnen sind auf
Grund von Traditionen, fehlendem Bewusstsein der Umgebung, sozialer Kontrolle
oder weil's „so wie's ist, für den Mann viel bequemer ist" gefangen in
Situationen der Gewalt. Solche festgefahrene Muster werden irgendwann als
normaler Zustand angesehen, alle spielen ihre Rolle und in irgendeiner Form
haben alle darin ihre Aufgaben. Diese Rollenmuster aufzuzeigen und aufzubrechen
ist uns im Frauenarbeitskreis ein Anliegen.
Welches sind nun ökonomische
Schlüsselfragen für Frauen am Land in punkto Gewalt?
Beginnen wir den Grundrechten zum Hof: Wer
besitzt den Hof mit allem drum und dran? Ist der Hof im gemeinsamen Besitz, mit
den dazu anknüpfenden Rechten, wie z.B. auf öffentliche Fördergelder. Es gibt
kuriose Konstrukte, wo der Hof dem Mann gehört, die Frau zwar die
Betriebsführerin ist, auch die Arbeit am Hof macht und dennoch die
Grundentscheidungen der auswärts arbeitende Mann macht. Dass Mann und Frau als
gleichberechtigte Betriebsführer den Hof leiten ist, neben dem Mitbesitz des
Hofes, eine der wichtigsten Forderungen der Via Campesina Frauen Europas. In
vielen Ländern ist dies per Gesetz gar noch nicht möglich und selbst wo es
ginge, wird der gesetzliche Rahmen nicht ausgeschöpft. Vielleicht mag einer
sagen, was auf dem Papier steht ist egal, in Wirklichkeit kommt's darauf an,
wer das Sagen hat...."Der Mann ist der Kopf und die Frau der Hals..." - eh schon
wissen. Eine Bäuerin, die auf dem Hof ohne Mitbesitz und Recht auf
Betriebsführung arbeitet, mag zwar einen Pensionsanspruch haben, jedoch welchen
Status hat sie in Wirklichkeit? Arbeiterin ohne Arbeiterinnenrechte,
Freiwillige oder mitarbeitendes Familienmitglied? Die derzeit laufende
Agrarstatistikerhebung wird uns aktuelle Einblicke in die Struktur, aber auch
Position der Bäuerinnen auf den Höfen eröffnen. Wie werden Entscheidungen über
die Entwicklung des Hofes getroffen? Wohin wird Geld investiert? Braucht man
unbedingt wieder einen neuen Traktor oder sind es diesmal die Fliesen im Bad,
die endlich nach 30 Jahren erneuert werden? Wird der Kuhstall zwecks
Aufstockung des Kuhbestandes vergrößert oder in die Direktvermarktung
investiert? Hat hier der Mann das Sagen, weil er sich vielleicht besser
auskennt oder eine landwirtschaftliche Schule besucht hat oder wird
gemeinschaftlich über die Zukunft des Hofes, der Arbeit und damit des Lebens
auf dem Hof entschieden? Welche Argumente zählen dann mehr? Direkt verbunden
mit diesen Fragen ist auch, ob sich die Bäuerin Überblick über die finanzielle
Situation des Betriebes verschaffen kann. Hat sie überhaupt Zugang zu Geld,
besitzt sie eine Bankomatkarte, ist sie am Konto zeichnungsberechtigt? Oder
muss sie zum Mann gehen, um für Anschaffungen Geld zu bekommen? Ein anderes
Thema, das aber wie die vorigen Fragen mit der Eigenständigkeit der Bäuerin
zusammenhängen: Kann die Bäuerin über
ihre Freizeit verfügen? Kann sie fortfahren, sich mit anderen Menschen treffen,
sich mit Inhalten beschäftigen, die sie interessieren? Ober werden nur
betriebs- und einkommensförderliche Seminarinhalte als Grund zum Wegfahren
akzeptiert? Verhindert die soziale Kontrolle eine ganzheitliche Entwicklung der
Bäuerin? Besonders bei Generationenhaushalten stellt sich auch die Frage, ob
die Bäuerin genug Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten hat. Wer vertritt den
Hof nach außen? Wer unterschreibt Anträge, verhandelt mit
GeschäftspartnerInnen, geht zu Versammlungen? Wer engagiert sich politisch in
Gemeinderäten, Genossenschaften, Agrarpolitik? Und schließlich eng
zusammenhängend mit diesen Fragen: Wie ist die häusliche Arbeit, Kinder, Küche,
Altenbetreuung zwischen den Geschlechtern verteilt? Ist die Bäuerin so ans Haus
gebunden und mit immer wiederkehrender Versorgungsarbeit eingedeckt, dass sie
sich sowieso nicht um etwas Anderes kümmern kann?
Das kapitalistische Wirtschaftssystem
spielt ohne Zweifel eine entscheidende Rolle im ökonomischen Hofgefüge. Das in
Österreich übliche Muster der ungerechten Entlohnung bei gleicher Leistung von
Mann und Frau setzt sich im landwirtschaftlichen Betrieb mit anderen
Erscheinungen fort. Wieso soll es da Bäuerinnen anders ergehen als weiblichen
Angestellten oder Arbeiterinnen? Speziell kommt am Hof oft die dominierende
Sorge um die Existenz und das wirtschaftliche Überleben des Betriebes dazu. Da
muss eben dann härter, fester und mehr gearbeitet werden, da muss man und frau
halt reinbeißen. Themen wie Gleichberechtigung oder ökonomische
Gewaltstrukturen am Hof werden da eher als Luxus betrachtet, denn als
wirtschaftlich förderlich. Vielleicht sollten wir Bäuerinnen uns mal mit
ManagerInnen zusammensetzen. Da sind inzwischen Seminare zur
MitarbeiterInnenmotivation normal, weil man merkt, dass ein positives
Betriebsklima, offene und wertgeschätzte MitarbeiterInnen für die
Betriebsentwicklung weit mehr Potential bergen als alte Muster und Hierarchien.
Die Opfer, von Bauern und Bäuerinnen für die Vergrößerung, Profitsteigerung
ihres Betriebes erbracht, machen sie meiner Meinung nach erst recht zu Opfern
des Kapitalismus. Eine Umfrage unter SchülerInnen an Landwirtschaftsschulen
zeigt, dass diese die Situation der Arbeitsverteilung auf ihren elterlichen
Höfen sehr kritisch beurteilen und teilweise hoffnungsvolle, aber doch auch
realistische Einschätzungen für ihr eigenes zukünftiges Leben am Hof haben. Das
Weitergeben von Gewaltstrukturen an die Kinder, bzw. der Leidensdruck den diese
dabei selbst erleben, ist bei physischen und psychischen Gewaltformen als
Problem unumstritten. Warum sollte es bei ökonomischer Gewalt anders sein?
Deshalb haben wir uns im Frauenarbeitskreis entschlossen, nun mit einem
Schulpaket für Landwirtschaftsschulen zum Thema „Gewalt an Bäuerinnen" an junge
Menschen und MultiplikatorInnen heranzutreten.
Möchten Sie mehr zum
Thema „Geschlechterbeziehungen am Bauernhof" erfahren und mit Schülerinnen und
Schülern im Unterricht besprechen?
Gerne bieten wir Ihnen Unterrichtsmaterialien und einen
Kurzfilm (5 Minuten) als Input zum Thema gratis an. Es gibt auch die
Möglichkeit, eine Referentin zum Thema in die Schule einzuladen (aktive
Gestaltung eines Vortrages und Nachbereitung).
Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an:
ÖBV-Via
Campesina Austria
Mariahilfer
Straße 89/22
1060 Wien
Tel: 01-89 29 400
E-Mail:
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www.viacampesina.at
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