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Ausgabe 320

Nyeleni Europe 2011
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Einmal Nyéléni und zurück –  in die Zukunft        von Florian Walter


Wer zu spät kommt versäumt zwar den Anfang, aber nicht wie´s ausgegangen ist, hab ich mir gedacht, als ich mich dafür entschieden habe, die ersten 2 Tage des Forums am Traktor sitzend und heuerntend zu verbringen. Das schöne Wetter ausnützen, Bauernpflicht!
Ich stürzte mich also ziemlich unvorbereitet in ein buntes Treiben von hunderten Menschen, bekannten und unbekannten Gesichtern , die umherliefen, in seltsamen Sprachen redeten, aßen , zielgerichtet herumschlenderten , sich vereinten und wieder auseinandergingen und das alles obendrein auch noch so ernst nahmen, dass sich mir die Frage aufdrängte: Was bitte machen die da alle?
 

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Ausgabe 319

Schwerpunkt "GAP's uns net.." 
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Was soll die GAP uns Frauen bringen?        von Judith Moser-Hofstadler



Sie muss „umweltfreundlicher, gerechter, effizienter und wirkungsvoller“ sein die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU, so sagte Agrarkommissar Dacian Ciolos im Juli 2010. Die europäische Landwirtschaft soll nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch wettbewerbsfähiger sein. Die Unterstützung benachteiligter Betriebe ist für ihn für die Zukunft ganz konkret vorgesehen.

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Ausgabe 318

Schwepunkt: Zeitsouveränität

 

 

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"ZEITSOUVERÄNITÄT"  von Wolfgang Spitzmüller

 

Als Aus- bzw. Um-oder Einsteiger in die Landwirtschaft, war ein kleiner Aspekt wohl auch der Faktor Zeit und deren Selbstbestimmung. Sein eigener Chef sein und somit auch alles selbst einteilen, bzw. selbst bestimmen. So dacht ich mir das am Anfang sehr idealistisch - glücklicherweise idealistisch - sonst hätt ich möglicherweise nicht, oder anders angefangen.

 

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Ausgabe 317

Schwerpunkt "Kann bäuerliche Landwirtschaft die Welt ernähren?" 
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Biologische Landwirtschaft = bäuerliche Landwirtschaft?   von Reto Sonderegger

Sekretär Uniterre und ab Juli 2011 Biobauer im Nordosten Argentiniens

 

Auf den ersten Blick scheint ja meistens alles klar zu sein. Natürlich ist biologische Landwirtschaft bäuerliche Landwirtschaft. Was soll also das Fragezeichen im Titel? Als Biobauern arbeiten wir mit der Natur zusammen und nicht gegen sie und vor allem achten wir auf möglichst geschlossene Kreisläufe auf unseren Betrieben. Dennoch wirft die Entwicklung des Biolandbaus spätestens seit dem Eintritt der grossen Supermärkte in die Biowelt einige Fragen auf, die wir hier behandeln wollen, um eine selbstkritische Reflexion zu fördern.

 

Der energetische und stoffliche Kreislauf auf dem Hof ist ein ideal, das in der Wirklichkeit nie erreicht werden kann. Denn als ProduzentInnen von Lebensmitteln verlassen diese unseren Hof, um andere Menschen zu ernähren. Doch das Loch kann grösser oder kleiner sein. Auch die biologische Landwirtschaft, zumindest in der industrialisierten Nordhemisphäre, ist auf viele Inputs von aussen angewiesen. Wenn heute im Zusammenhang von Peak Oil über unsere erdölabhängige Gesellschaft nachgedacht wird, können wir uns auch als Biobauern nicht mehr herausnehmen. Schliesslich leben wir ja nicht in einer Seifenblase über dieser Welt, sondern stehen mitten in ihr drin, mit beiden Füssen auf dem Boden.

 

 Lange ist es her, dass das Erdöl die Zugtiere als Zugkraft abgelöst haben. Ebenso lange ist es her, das die Energie für die Zugkraft nicht mehr auf dem Hof produziert wird. Der Einzug des Erdöls in die Landwirtschaft hat zu einer enormen Rationalisierung der Agrarproduktion geführt und abertausende Menschen aus dem Primärsektor herausgespuckt. Von den noch heute agrarpolitisch hochgehaltenen Familienbetrieben ist nicht viel übriggeblieben. Häufig haben wir heute einen Einmann- oder Einfraubetrieb, bei dem der Partner oder die Partnerin auswärts arbeitet, um den Hof zu finanzieren, weil die Produzentenpreise derart in den Keller gefallen sind. Mit der Umstellung auf Traktorzug wurde viel ehemalige Futterfläche für die Zugtiere frei. Das bedeutete meistens eine Intensivierung dieser Flächen, von denen viele extensive Wiesen für die Pferde waren. Diese Wiesen wurden intensiver gedüngt, um konzentrierteres Futter für die Kühe zu bekommen, oder zu Ackerland umgebrochen. Damit einher ging ein Verlust der Artenvielfalt, aber auch der Verlust traditionellen Wissens, welches von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Wer kann heute noch zweispännig pflügen oder nur einfachste Arbeiten mit einem Pferd ausführen? Auch wir Biobäuerinnen und Bauern sitzen in der gleichen Falle wie die Restgesellschaft. Wie produzieren wir, wenn uns der Oelhahn zugedreht wird? Sollten wir uns nicht jetzt schon auf eine postfossile Landwirtschaft einstellen? Wie ist so ein Einstieg in den Ausstieg, in eine Uebergangsphase überhaupt wirtschaftlich möglich? Eine Bewegung in die Richtung wird nur möglich sein, wenn sich die Gesamtgesellschaft in diese Richtung bewegt. Dennoch können wir Bauern und Bäuerinnen eine Vorreiterrolle in diesem Prozess wahrnehmen, in der wir versuchen müssen möglichst viele andere Menschen zu überzeugen und auf unserem Weg mitzunehmen.

 

Eine weitere Vergrösserung des Lochs im Stoffkreislauf des Hofes waren und sind die Futtermittelzukäufe. Früher war der Tierbestand eines Hofes auf die Futterproduktionskapazität abgestimmt. Bäuerliche Landwirtschaft war zwingend Kreislaufwirtschaft und bodenabhängig. Die zunehmenden Futtermittelimporte führten zu überhöhten Tierbeständen, deren Mist und Gülle die knappen Felder und Wiesen überdüngten und zu Nitrat im Trinkwasser und Phosphorproblemen in den Gewässern führten. Diese Probleme hat man heute in der Schweiz mehr oder weniger im Griff. Dennoch ist die Abhängigkeit von Futtermittelimporten augenscheinlich, auch im biologischen Landbau. Von den Eiweissträgern im Kraftfutter werden 97% importiert, bei den Futtergetreiden etwa drei Viertel. Wir stehen vor dem Problem, dass wir mit Tieren arbeiten, die wir nicht mehr selber, also hofeigen, füttern können. Am extremsten ist dies wohl in der Hühnerhaltung der Fall. Auch im Bio wird mit der gleichen Genetik gearbeitet, mit Doppelhybriden für Eier und Mast, die im Besitz von zwei oder drei Multinationalen Konzernen sind, und die ihre Hochleistung nur bringen, wenn sie auch entsprechend gefüttert werden. Nicht nur schlüpfen keine süssen Küken auf unseren Betrieben, wie uns die Werbung manchmal weis machen will, sondern auch ein grosser Teil des Futters kommt von weit her: Soja aus Brasilien und Maiskleber aus China sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

 

Auch die Handelsdüngemittel reissen den Stoffkreislauf weiter auf. Zwar sind im biologischen Landbau synthetische und mineralische Dünger verboten, dennoch gibt es ein Angebot in Hülle und Fülle, da der wirtschaftliche Druck immer mehr zunimmt und die ehemaligen Allrounderbetriebe immer weiter in Spezialisierungen zwingt, was oft auch die Aufgabe der Viehhaltung und somit des traditionell gemischten Betriebes bedeutet. Dass die Bio-Hilfstoffliste mittlerweilen 115 Seiten umfasst und man problemlos auch Produkte von Syngenta und Bayer finden kann, wirft weitere Fragen auf. Der Biolandbau, der sich historisch gegen die Industrialisierung und Chemisierung der Landwirtschaft wehrte, ist heute selber zu einem interessanten Markt für die weltweit dominierenden Agrokonzerne geworden. Während Syngenta in Südamerika weiter in Europa verbotene Mittel verkaufen und für eine Agrarreform kämpfende Kollegen der brasilianischen Landlosenbewegung ermorden lassen kann[1], verkaufen sie uns hier Schwefel- und Kupferprodukte für den biologischen Pflanzenschutz und verweisen auf ihr Engagement für den Biolandbau mit ihrer Nachhaltigkeitsstiftung.[2] Ebenso fragwürdig sind die Guanoexporte (Vogeldung von den Klippen der Pazifikküste) aus Peru für die europäische Biolandwirtschaft oder Hobbygärtner. Anstatt Tausende von Kilometern zurückzulegen, könnte dieser Dünger helfen, die ausgelaugten Böden in den Berggebieten und Hochebenen der Anden zu beleben.

 

Bedenklich ist auch, wie sich eine konventionelle Denkweise im Biolandbau eingenistet hat und zur Mehrheitsmeinung geworden ist. Gibt es ein Pflanzenschutzproblem, wird der Schädling oder die Krankheit gesucht, um ihn direkt zu bekämpfen. Immer weniger wird versucht, Pflanzenschutz- oder Gesundheitsprobleme ganzheitlich zu ergründen und antworten zu suchen. Diese Inputabhängigkeit hat in Südamerika auch dazu geführt, dass sich ländliche soziale Bewegungen vom Biolandbau abgewendet und sich der „Agroecología" zugewandt haben. Sie wollen möglichst unabhängig und selbstbestimmt produzieren und leben und die Früchte ihrer Arbeit in ihrem Land absetzen und nicht transatlantische Nischenmärkte besetzen. Denn nur  indem sie ihre gesellschaftliche Wichtigkeit und Notwendigkeit in ihrem eigenen Land unter Beweis stellen können, werden sie ihre gesellschaftliche Lage verbessern. Wie die Biopioniere sehen die Exponenten der Agrarökologie die Lösung in der Schaffung eines durch hohe Artenvielfalt stabilen Agarökosystems. Ein System, welches sich in sich selber ausgleicht und stabilisiert. Doch der Trend zur Spezialisierung und Monokulturalisierung wegen des wirtschaftlichen Druckes geht in die entgegengesetzte Richtung. Um diese Entwicklung umzukehren, muss man Strategien entwickeln, die über den bäuerlichen Tellerrand hinaussschauen und die ganze Gesellschaft grundlegend transformieren.

 



[1] http://www.mst.org.br/node/4890

[2] https://www.fibl-shop.org/shop/pdf/1032-betriebsmittelliste.pdf und http://www.syngentafoundation.org/index.cfm?pageID=361

 

 

 

 
Ausgabe 316

Schwerpunkt "Jugend in der Landwirtschaft" 
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Agrarpolitisches Sommerspektakel

Von Magdalena Heuwieser

Gekürzt von Karin Okonkwo-Klampfer

 

 

Eine Gruppe junger Leute zieht mit Traktor, Theaterwagen und Fahrrädern durch Oberösterreich und bietet Spektakuläres zur Frage, was wir 2020 essen werden.

Der Traktor rattert den Hügel hinauf und kommt mit seinem großen, bunt bemalten Anhänger vor einem Bauernhof zum Stehen. Schnell sind die nachkommenden Fahrräder an das Vehikel gelehnt. Wir läuten an der Türglocke. Eine ältere Frau steckt kurz darauf den Kopf aus dem Eingang und begutachtet die vor ihr stehende Truppe junger Menschen.

„Guten Tag, wir sind vom Agrarpolitischen Sommerspektakel und wollten‘s für die heutige Abendveranstaltung einladen!" Wir strecken der Bäuerin einen Flyer entgegen und erklären unseren Besuch. Für drei Wochen, von 18. Juli bis 11. August, touren wir mit Traktor, Theaterwagen und Fahrrädern durch Oberösterreich und führen jeden zweiten Tag an verschiedenen Orten ein agrarpolitisches Sommerspektakel auf. Es geht um die Frage „Was essen wir 2020?", also um die Zukunft unserer Nahrung und Landwirtschaft. Anlass ist die bevorstehenden Reform der GAP, der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union, im Jahr 2013.

Landwirtschaft in Oberösterreich

Was sie denn für einen Betrieb habe, fragen wir die Bäuerin. „Mutterkuhhaltung, 20 Rinder und 30 Hektar Fläche," erklärt sie. Früher hatte sie zehn Milchkühe, Hühner und einen Gemüseacker und produzierte Topfen, Butter und hin und wieder Fleisch selbst am Hof. „Schön war‘s, sich selbst von den eigenen Sachen versorgen zu können." Aber das gehe jetzt nicht mehr, meint sie und schüttelt den Kopf. In dieser Größe sei der Betrieb ein Auslaufmodell, behaupte zumindest die Landwirtschaftskammer. Wir begegnen aber auch viel Kampfgeist und Zuversicht auf unseren Touren, Höfe mit ungewöhnlichen Betriebszweigen und agrarpolitisch aktive LandwirtInnen.

„Und was passiert da heute Abend beim Agrarpolitischen Sommerspektakel?" will die Bäuerin, die uns inzwischen frischen Most angeboten hat, wissen. „Erst gibt's Kinderprogramm, ab 20 Uhr die Abendveranstaltung mit Film, Theater, Diskussion und Essen." Ob sie denn selbst produzierte Lebensmittel beisteuern könne, bitten wir sie. Daraus wollen wir den „Abendschmaus" für die Veranstaltung zubereiten. Wir bekommen Kartoffeln aus dem Garten hinterm Haus, einen Kohlkopf und einen selbstgebrannten Schnaps obendrein. Die Bäuerin kündigt an, sie komme am Abend und schicke die Enkel zum Kinderprogramm. „Das ist mal was Neues, das schau ich mir an."

Wir ziehen von Bauernhof zu Bauernhof, bis alle Flyer verteilt und genügend Lebensmittel für die Abendveranstaltung gesammelt sind. Dann wird's auch schon Zeit diese vorzubereiten.

Reges Treiben herrscht auf dem Bauernhof, wo wir diesmal untergebracht sind. Bei den anderen Stationen sind es Dorfplätze, Pfarrheime oder Gasthäuser. An jedem Ort hatten Kontaktpersonen, meist selbst Bäuerinnen und Bauern, für Zeltplatz und Veranstaltungsort gesorgt und die Werbetrommel gerührt.

Das Wetter ist wechselhaft. Wir entscheiden uns vorsichtshalber für die trockene Scheune als Veranstaltungsort. Bierbänke werden aufgestellt, die Theaterrequisiten zusammengesucht und in einer Ecke bereiten einige auf Gaskochern vegetarisches Gulasch, Dinkelreis und andere Leckereien zu. Nebenan haben sich schon Kinder eingefunden und lauschen (oder: horchen ... zu) der Geschichte von Hanna, der Bäuerin, betasten im „Fühlsack" Gemüse und Obst und beschäftigen sich spielerisch mit dem Thema Nahrung und Landwirtschaft. Schließlich trudeln die Erwachsenen ein und die Abendveranstaltung kann losgehen.

Die junge Moderatorin begrüßt das bunt gemischte Publikum, das sich in der Scheune eines Bauernhofs zusammengefunden hat: Kinder, Erwachsene, Bäuerinnen und Bauern von kleinen Höfen oder von Intensivbetrieben sowie Konsumentinnen und Konsumenten sitzen unter einem Dach zusammen und hören gespannt zu, als sich die Spektakel-Gruppe vorstellt. Die SommerspektaklerInnen sind in globalisierungskritischen Bewegungen engagiert und wollen erfahren, wie Menschen am Land die Situation der Landwirtschaft beurteilen.

Keine leichte Kost

Dass das Sommerspektakel keine der üblichen Frontalveranstaltungen ist, wird dem Publikum bald klar. Nach einer interaktiven Vorstellungsrunde und einem Bewegungsspiel gibt es ein gemeinsames Abendessen aus Lebensmitteln aus der Region, die zuvor von den SommerspektaklerInnen an Bauernhöfen gesammelt wurden. Das als Spiel gestaltete Essen stellt die globale Verteilungsungerechtigkeit dar. Den Gästen werden Rollen zugelost, nach denen sich die Portionsgröße richtet. Der Bauernbund-Obmann beäugt als brasilianischer Landloser griesgrämig seine zwei Kartöffelchen, während ein südafrikanischer Weingutbesitzer meint, das Problem erkannt zu haben, und begeistert einen Teil seiner Portion auf den Teller seiner benachbarten honduranischen Kleinbäuerin schiebt. Bald bemerken die noch hungrigen BesucherInnen, dass auf dem Buffet ein „Ernährungssouveränitäts-Schöpfer" liegt, mit dem sie sich selbstbestimmt bedienen können.

Nachrichten-Theater

„Die ZIB beginnt gleich!" ruft nach einer halben Stunde die Moderatorin. Eine Theatergruppe sitzt schon, verkleidet als Familie, am Esstisch auf der provisorischen Bühne und wartet darauf, dass die Nachrichten beginnen. Vater, Mutter, die genervte Tochter und der altkluge Sohn, der strickende Großvater im Schaukelstuhl und die Oma, die angeheitert vom Wirtshaus zurückkommt. Sogleich entbrennt eine Diskussion über die Berichte in der Nachrichtensendung. Unmengen an weggeworfenem Brot, Europäische Agrarpolitik und deren Auswirkungen auf Märkte in Ländern des Globalen Südens. Wütend sträubt sich der Vater dagegen, dass der Sohn mit der „Biosprit-Lüge" aufräumt. Die seinen Teller zierende Hendlbrust muss er verteidigen, als sich die Tochter über seinen übermäßigen Fleischkonsum aufregt. Der Opa im Schaukelstuhl erinnert sich an alte Zeiten, in denen alles besser war. „Wir ham doch damals scho gsagt: Hunger ist kein Schicksal, sondern Hunger ist gemacht!" Und er liest aus der Zeitschrift der Österreichischen Bergbauern und Bergbäuerinnen Vereinigung die Definition des Konzepts der Ernährungssouveränität vor: „Ernährungssober... saber... hrm, Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen." Doch der Vater will noch nicht verstehen. Erst, nachdem er hört, dass schon über eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern, meint er nach einem Verdauungsschnaps: „Ja, dann müssen wir uns doch eigentlich fragen, wer und was verhindert, dass alle Zugang zu Nahrung haben. Und was können wir dagegen tun?"

Diese Frage ist Ausgangspunkt für die anschließende Diskussionsrunde. Fast bis Mitternacht sitzen alle im großen Halbkreis beisammen und tauschen sich angeregt über Globales und die Situation vor Ort aus, benennen Probleme und tüfteln an Handlungsmöglichkeiten.

Die Mischung aus ProduzentInnen und KonsumentInnen, Bio-Bäuerinnen, Bio-Bauern und konventionellen LandwirtInnen von Intensivbetrieben, Studierenden, sowie jungen und älteren Menschen vom Land und aus der Stadt sorgt überall stets für vielfältige Diskussionen. Je nach Ort, Erfahrungen und Anzahl der Gäste variieren die Inhalte sehr. Andere Themen tauchen immer wieder auf.

Wachsen oder Weichen?

Des öfteren ist in den Diskussionen starke Resignation und ein Ohnmachtsgefühl der LandwirtInnen in Oberösterreich gegenüber den übermächtig erscheinenden Dimensionen des Weltmarkts und der globalisierten Agrarindustrie zu spüren. Stets wird berichtet von unzähligen Nachbarhöfen, die in letzter Zeit ihre Landwirtschaften aufgegeben haben und ihre Flächen verpachten mussten. Viele LandwirtInnen äußern selbst die Sorge, bald aufhören zu müssen, da ihr Hof kaum Zukunftschancen für ihre Töchter und Söhne bieten könne. So sterben immer mehr kleine Bauernhöfe aus, während in anderen Regionen und Ländern wenige große Intensivbetriebe entstehen. Selten finden sich noch Vollerwerbs-Betriebe in der Gegend. Ohne über mehrere ökonomische Standbeine zu verfügen, sei es kaum möglich den teuren Hof in Stand zu halten und genügend Einkommen zu erwirtschaften. Die Direktvermarkung als Standbein werde wegen der strengen EU-Hygiene-Standards immer schwieriger. Eine Bäuerin beklagte sich, sie dürfe laut Vorschriften keine Butter mehr im Holzfass produzieren, da dies lebensgefährlich sei. Hinzu komme, dass die Exportsubventionen der EU auch die Landwirtschaft in anderen Ländern zerstöre.

Der „richtige Konsum" als Allheilmittel?

Sich als KonsumentInnen identifizierende BesucherInnen sehen das Problem hauptsächlich in den großen Supermarkt-Strukturen mit Diskont-Preisen und in der fehlenden Wertschätzung von Nahrungsmitteln und Landwirtschaft. Die damit zusammenhängende entfremdete Beziehung zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen ist stets wichtiges Thema. Angesprochen werden alternative Formen der Direktvermarktung, wie beispielsweise Hofläden, Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften wie „Foodcoops" (1), oder die sogenannte „Community Supported Agriculture" (2). Ob über diese reine Identifikation auf das KonsumentInnen-Dasein und die daraus resultierende eingeschränkte Handlungsperspektive hinaus andere Möglichkeiten erkannt werden, variiert von Ort zu Ort.

Lebensgefährliche Butter aus dem Holzfass

Meist wird die Verantwortung für die Probleme auf höhere Ebenen abgeschoben, wie auf „die Agrarpolitik" und die Interessensvertretung, hauptsächlich auf den Bauernbund. Diese Auslagerung an „die da oben", „an die Politik" birgt jedoch die Gefahr, sich selbst in eine passive Rolle zu schieben und handlungsunfähig zu machen. Teilnehmende der Spektakel-Gruppe, immer wieder auch BesucherInnen, setzen die Hoffnung jedoch auf eine Veränderung der bestehenden Machtstrukturen und Kräfteverhältnisse, auf Druck von unten.

„Wir müssen im Kleinen von unten her unsere Zukunft gestalten. Wir müssen auch mal wieder sagen: Es reicht! Ziviler Ungehorsam ist gefragt!", so lauten die motivierenden Aufrufe eines Bauern in Arnreit. Auch eine kreative Lösung für das Problem mit der Holzfass-Butter kommt hier auf, die lautes Gelächter und Klatschen erntet: „Naja, auf den Zigarettenschachteln steht ja auch drauf, es ist tödlich. Dann schreiben wir das halt auf die Butter auch drauf 'Vorsicht Lebensgefahr - Butter aus dem Holzfass!'. Da kann die Lebensmittelpolizei überhaupt nichts machen!"

Der Abend endet schließlich in einer nächtlichen Feuershow mit Musik und in kleinem Kreise wird bei Bier und Saft gemütlich weiter geschwatzt.

 

Bilanz Sommerspektakel

Die angeregten Diskussionen und die positiven Reaktionen der BesucherInnen des Spektakels zeigten die Notwendigkeit, Räume zu schaffen für gemeinsame Diskussionen zwischen Bäuerinnen, Bauern und KonsumentInnen, verschiedenen Interessensgruppen, im ländlichen sowie städtischen Raum.

„Veränderung findet im Kleinen statt", hieß es in Arnreit. „Wir brauchen nicht warten, bis „die da oben" was machen. Wir sollten anfangen, uns auf kleiner Ebene zu vernetzen." Das Sommerspektakel war ein Beitrag dazu.

 

 

Anmerkungen:

(1) Foodcoops sind Lebensmittelkooperativen, die ihre meist biologischen saisonalen Lebensmittel direkt von lokalen ErzeugerInnen beziehen. In Wien gibt es inzwischen drei davon, siehe z.B. http://www.bioparadeis.org

 

(2) Community Supported Agriculture (CSA) ist ein Kooperationskonzept zwischen ErzeugerInnen und einer Gemeinschaft von BezieherInnen von Lebensmitteln, das umwelt- und sozialverträgliches Landwirtschaften ermöglicht und die klassische Trennung von KonsumentInnen und ProduzentInnen aufzuheben versucht. In Österreich ist ein CSA-Projekt gerade am Entstehen: http://ochsenherz.at/csa.html

Webtipp: http://sommerspektakel.posterous.com

 

Die Autorin Magdalena Heuwieser studiert Internationale Entwicklung in Wien und war Teilnehmerin des Agrarpolitischen Sommerspektakels. Wir danken der Grünen Bildungswerkstatt Wien für die Genehmigung des Abdrucks.

 

 
Ausgabe 315

Schwerpunkt "Gewalt gegen Frauen"  
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NaturGEWALTen  von Maria Vogt

 

Das internationale Bäuerinnenseminar von Via Campesina Europa vor einem Jahr in Galizien stand unter dem Thema „Gewalt gegen Frauen am Land". Es brauchte einige Diskussionen unter uns Frauen aus den verschiedenen Ecken Europas, um hinter diesen, oft nur mit physischer Gewalt besetzen Begriffes, zu schauen. Denn eigentlich sind wir ja (per Gesetz) gleichberechtigt, oder?

Mir hat bei diesem Seminar besonders ein Folder für Frauen am Land mit dem Titel: Facemos un bo trato (Wir wollen eine gute Behandlung/Gleichgerechtigung) von den galizischen Frauen der SLG beeindruckt. In sehr einfacher Form wird darin Gewalt gegen Frauen thematisiert, mit Fragen wie: Was ist schlechte Behandlung und welche Verhaltensweisen können als Missbrauch angesehen werden, wie etwa: Wirst du als Person und wird deine Meinung respektiert? Im Frauenarbeitskreis der ÖBV-Via Campesina Austria arbeitete dann bald eine kleine Arbeitsgruppe zu diesem Thema und das Ergebnis ist unter anderem ein Video Clip, der unter „Klappe auf!" auf der Internetzeitung dieStandard.at  ab Anfang Dezember im Rahmen der Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen" läuft (siehe Kasten/Hinweis wird von Karin geliefert). Wir beschlossen, uns auf Fragen der ökonomischen Gewalt gegen Bäuerinnen zu beschränken. Sehr schnell hatten wir im AK konkrete Bäuerinnen vor Augen, die wir persönlich kennen, und an Hand von Beispielen konnten wir die Gewalt und fehlende Gleichberechtigung  benennen. Viele selbstbewusste Bäuerinnen suchen mit ihrem Partner einen gleichberechtigten Lebensweg, aber erschreckende viele Bäuerinnen sind auf Grund von Traditionen, fehlendem Bewusstsein der Umgebung, sozialer Kontrolle oder weil's „so wie's ist, für den Mann viel bequemer ist" gefangen in Situationen der Gewalt. Solche festgefahrene Muster werden irgendwann als normaler Zustand angesehen, alle spielen ihre Rolle und in irgendeiner Form haben alle darin ihre Aufgaben. Diese Rollenmuster aufzuzeigen und aufzubrechen ist uns im Frauenarbeitskreis ein Anliegen.

Welches sind nun ökonomische Schlüsselfragen für Frauen am Land in punkto Gewalt?

Beginnen wir den Grundrechten zum Hof: Wer besitzt den Hof mit allem drum und dran? Ist der Hof im gemeinsamen Besitz, mit den dazu anknüpfenden Rechten, wie z.B. auf öffentliche Fördergelder. Es gibt kuriose Konstrukte, wo der Hof dem Mann gehört, die Frau zwar die Betriebsführerin ist, auch die Arbeit am Hof macht und dennoch die Grundentscheidungen der auswärts arbeitende Mann macht. Dass Mann und Frau als gleichberechtigte Betriebsführer den Hof leiten ist, neben dem Mitbesitz des Hofes, eine der wichtigsten Forderungen der Via Campesina Frauen Europas. In vielen Ländern ist dies per Gesetz gar noch nicht möglich und selbst wo es ginge, wird der gesetzliche Rahmen nicht ausgeschöpft. Vielleicht mag einer sagen, was auf dem Papier steht ist egal, in Wirklichkeit kommt's darauf an, wer das Sagen hat...."Der Mann ist der Kopf und die Frau der Hals..." - eh schon wissen. Eine Bäuerin, die auf dem Hof ohne Mitbesitz und Recht auf Betriebsführung arbeitet, mag zwar einen Pensionsanspruch haben, jedoch welchen Status hat sie in Wirklichkeit? Arbeiterin ohne Arbeiterinnenrechte, Freiwillige oder mitarbeitendes Familienmitglied? Die derzeit laufende Agrarstatistikerhebung wird uns aktuelle Einblicke in die Struktur, aber auch Position der Bäuerinnen auf den Höfen eröffnen. Wie werden Entscheidungen über die Entwicklung des Hofes getroffen? Wohin wird Geld investiert? Braucht man unbedingt wieder einen neuen Traktor oder sind es diesmal die Fliesen im Bad, die endlich nach 30 Jahren erneuert werden? Wird der Kuhstall zwecks Aufstockung des Kuhbestandes vergrößert oder in die Direktvermarktung investiert? Hat hier der Mann das Sagen, weil er sich vielleicht besser auskennt oder eine landwirtschaftliche Schule besucht hat oder wird gemeinschaftlich über die Zukunft des Hofes, der Arbeit und damit des Lebens auf dem Hof entschieden? Welche Argumente zählen dann mehr? Direkt verbunden mit diesen Fragen ist auch, ob sich die Bäuerin Überblick über die finanzielle Situation des Betriebes verschaffen kann. Hat sie überhaupt Zugang zu Geld, besitzt sie eine Bankomatkarte, ist sie am Konto zeichnungsberechtigt? Oder muss sie zum Mann gehen, um für Anschaffungen Geld zu bekommen? Ein anderes Thema, das aber wie die vorigen Fragen mit der Eigenständigkeit der Bäuerin zusammenhängen:  Kann die Bäuerin über ihre Freizeit verfügen? Kann sie fortfahren, sich mit anderen Menschen treffen, sich mit Inhalten beschäftigen, die sie interessieren? Ober werden nur betriebs- und einkommensförderliche Seminarinhalte als Grund zum Wegfahren akzeptiert? Verhindert die soziale Kontrolle eine ganzheitliche Entwicklung der Bäuerin? Besonders bei Generationenhaushalten stellt sich auch die Frage, ob die Bäuerin genug Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten hat. Wer vertritt den Hof nach außen? Wer unterschreibt Anträge, verhandelt mit GeschäftspartnerInnen, geht zu Versammlungen? Wer engagiert sich politisch in Gemeinderäten, Genossenschaften, Agrarpolitik? Und schließlich eng zusammenhängend mit diesen Fragen: Wie ist die häusliche Arbeit, Kinder, Küche, Altenbetreuung zwischen den Geschlechtern verteilt? Ist die Bäuerin so ans Haus gebunden und mit immer wiederkehrender Versorgungsarbeit eingedeckt, dass sie sich sowieso nicht um etwas Anderes kümmern kann?

Das kapitalistische Wirtschaftssystem spielt ohne Zweifel eine entscheidende Rolle im ökonomischen Hofgefüge. Das in Österreich übliche Muster der ungerechten Entlohnung bei gleicher Leistung von Mann und Frau setzt sich im landwirtschaftlichen Betrieb mit anderen Erscheinungen fort. Wieso soll es da Bäuerinnen anders ergehen als weiblichen Angestellten oder Arbeiterinnen? Speziell kommt am Hof oft die dominierende Sorge um die Existenz und das wirtschaftliche Überleben des Betriebes dazu. Da muss eben dann härter, fester und mehr gearbeitet werden, da muss man und frau halt reinbeißen. Themen wie Gleichberechtigung oder ökonomische Gewaltstrukturen am Hof werden da eher als Luxus betrachtet, denn als wirtschaftlich förderlich. Vielleicht sollten wir Bäuerinnen uns mal mit ManagerInnen zusammensetzen. Da sind inzwischen Seminare zur MitarbeiterInnenmotivation normal, weil man merkt, dass ein positives Betriebsklima, offene und wertgeschätzte MitarbeiterInnen für die Betriebsentwicklung weit mehr Potential bergen als alte Muster und Hierarchien. Die Opfer, von Bauern und Bäuerinnen für die Vergrößerung, Profitsteigerung ihres Betriebes erbracht, machen sie meiner Meinung nach erst recht zu Opfern des Kapitalismus. Eine Umfrage unter SchülerInnen an Landwirtschaftsschulen zeigt, dass diese die Situation der Arbeitsverteilung auf ihren elterlichen Höfen sehr kritisch beurteilen und teilweise hoffnungsvolle, aber doch auch realistische Einschätzungen für ihr eigenes zukünftiges Leben am Hof haben. Das Weitergeben von Gewaltstrukturen an die Kinder, bzw. der Leidensdruck den diese dabei selbst erleben, ist bei physischen und psychischen Gewaltformen als Problem unumstritten. Warum sollte es bei ökonomischer Gewalt anders sein? Deshalb haben wir uns im Frauenarbeitskreis entschlossen, nun mit einem Schulpaket für Landwirtschaftsschulen zum Thema „Gewalt an Bäuerinnen" an junge Menschen und MultiplikatorInnen heranzutreten.

 

 

Möchten Sie mehr zum Thema „Geschlechterbeziehungen am Bauernhof" erfahren und mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht besprechen?

Gerne bieten wir Ihnen Unterrichtsmaterialien und einen Kurzfilm (5 Minuten) als Input zum Thema gratis an. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Referentin zum Thema in die Schule einzuladen (aktive Gestaltung eines Vortrages und Nachbereitung).

Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an:

ÖBV-Via Campesina Austria

Mariahilfer Straße 89/22

1060 Wien

Tel: 01-89 29 400

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www.viacampesina.at