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Ausgabe 306 PDF Drucken E-Mail

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Schwerpunkt "Technik und Landwirtschaft"

„Damit's mit'n Hof weidageht"   von Monika Gruber

Die Ursprünge, dass ich mir als Bäuerin beispielsweise selbst eine Motorsäge kaufte, die für meine Frauenhände passt, reichen weit zurück, bis in meine Kindheit. Mein Vater war von der Vorstellung getrieben gewesen, nicht alt zu werden, und so brachte er mir in der Landtechnik beizeiten bei, was er für notwendig hielt, damit nach seinem Tod der Hof weitergehen könne. Ein Blick über mehr als ein halbes Jahrhundert Landwirtschaft.


1939 gibt es gerade einmal 7.000 Traktoren in Österreich. Bis 1964 werden 45.000 Steyr Traktoren verkauft. Ab 1950 werden mit Nordafrika und dem Iran blendende Geschäfte gemacht, sodass die Exporte um vierzig Prozent steigen. Ab Anfang der 1960er Jahre erleichtert der erste Ladewagen das mühsame Heueinbringen und heißt „Hamster".

Die Technisierung der Landwirtschaft wird Anfang der Sechzigerjahre als „Betriebsvereinfachung" verkauft, die „die Rüst-, Wege- und Verlustzeiten senkt und damit die produktivere Zeit erhöht". Im Bauernbundkalender 1962 schreibt Prof. Dr. Ludwig Löhr in einem Aufsatz, der Vorteil von Vollmechanisierung sei die „geistige Entlastung des Betriebsführers". Noch vorhandene Pferde sollen abgeschafft werden, wegen „hoher Fixkosten und ungenügender Auslastung". Dass anstelle der Ochsen und Pferde der Traktor die Ackerfurche dominiert, dafür sorgt die Wiener Regierung: Sie ermöglicht den Bauern ihre Träume vom Traktor über großzügige Agrarinvestitions- und Agrarsonderkredite zu erfüllen. Übrigens: Auch im Krisenjahr 2008 verzeichnet Steyr als führende Marke ein Umsatzplus: 6.897 neu zugelassene Traktoren (+ 2,8 Prozent zum Vorjahr).

Maschine macht mobil

Der Traktor mobilisierte das Volk am Land: Als Alltagsvehikel zur Raiffeisenkassa im Dorf, als geschmückter Zugwagen beim Erntedankfest oder mit gesperrtem viertem Gang zum „Fuhrwerk" heruntertypisiert. Sonntags wurde mit dem Traktor zur Kirche gefahren. Aber mit steigender Mechanisierung der Betriebe brachten sich Familienbetriebe um ihre Existenz - die kleinen zuerst. Der Arbeitskräfteabbau war massiv. Von 1961 bis 1993 ging der Anteil der Landwirtschaft an der Gesamtbeschäftigung von 22,8 auf 6,7 Prozent zurück.

1965 war ein ereignisreiches Jahr für meine Eltern. Sie heirateten, machten gemeinsam den Führerschein fürs Auto, der Brunnen wurde gefasst und der Mähdrescher angeschafft. Der erste und einzige Mähdrescher weit und breit. In den folgenden fünfzehn Sommern war mein Vater die meiste Zeit bei anderen Bauern zum Dreschen, was die Großeltern gegen ihn aufbrachte, weil er kaum daheim mitarbeiten konnte. Aber jeder Schilling Druschgeld wurde gebraucht. Der Epple hatte rund 400.000 Schilling gekostet, die aufgenommenen Kredite mussten rückgezahlt werden. Sobald es in der Früh hell wurde, ging es daheim schon los mit dem Putzen, Warten oder Reparieren des Dreschers. Die Mutter machte währenddessen alleine die Stallarbeit.

Der erste Traktor, an den ich mich am Elternhaus erinnere, war ein Steyr Fünfzehner. Ich weiß noch, wie er zum ersten Mal am Hof stand, auf dem grünen Wiesenfleck beim Stadel und wie der Großvater sich zum ersten Mal aufsetzte. Fahren konnte er damit nie. Sein rechtes Bein war nach einer Kinderlähmung zu schwach, um aufs Gas oder die Bremse zu steigen. So blieb die Traktorarbeit meinem Eltern (hauptsächlich dem Vater) vorbehalten.

Hand und Werk

Der Großvater nähte stattdessen im Zimmer an der Nähmaschine oder in seiner Werkstatt, wo er die Schuhe fremder Leute flickte. Auch auf das Besen binden verstand er sich und er zimmerte Leitern. Oft war ich bei ihm in der Holzwerkstatt. Er zeigte mir, wie ich die Reisigbündel legen sollte, wie der Draht gewunden werden und wie der fertige Besen aussehen sollte. Ich lernte, mit dem Handbohrer die Löcher für die Leiterholme zu bohren und auch sonst allerhand. Und ich liebte es, in den dicken Spänen zu wühlen, die bei der Arbeit an der Hoazlbank abfielen.

Mit den Landmaschinen umzugehen, dazu leitete mich mein Vater an, der meinte, unheilbar krank zu sein. In mich, der ältesten von drei Töchtern, setzte er seine Hoffnungen. Sollte er sterben, könnte ich den Hof weiterführen. Besonders in den letzten zwei, drei Jahren vor seinem Tod beteiligte er mich (als Elf- bis Vierzehnjährige) an allen möglichen Tätigkeiten. Ich lernte zu pflügen,  mit dem Traktor zu mähen, die Messer des Mähwerks auszubauen und zu mit der Schleifmaschine zu schärfen, legte Schweißnähte und er zeigte mir, bei Waldarbeiten mit der Motorsäge zu schneiden. Wenn etwas bei den Maschinen gebrochen war, wurde das so weit als möglich selbst hergerichtet. Dabei halfen mein Vater und der Steinkogler-Nachbar vielfach zusammen. Teile wurden aus- und umgebaut. Es wurde geschraubt, geschweißt und geschliffen. Oft war ich als Gehilfin gefragt, weil ich mit schmalen Händen und flinken Fingern an schwer zugängliche Stellen greifen konnte. Aber es war nicht immer vergnüglich. Ich weinte einmal bitterlich, weil mein Vater darauf beharrte, ich müsse lernen, den Mühlstein von der Schrotmühle auszubauen. Mich freute es aber an diesem Tag ganz und gar nicht.

Mein Vater starb 1980, mit 43 Jahren - aber nicht an einer Krankheit, sondern nach einem Autounfall. Ich war gerade 14 und am Beifahrersitz gesessen. Meine Mutter war mit der Landwirtschaft nun auf Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Selbsthilfe angewiesen. Und ich auf sie. Statt mit anpacken zu können, brauchte ich selbst viele Handgriffe. Meine Knochen und die Schnittwunden hatte man im Spital zwar wieder zusammengeflickt, doch ich musste jeden Schritt erst wieder gehen lernen nach den Operationen.

Ich zog mit 17 daheim aus und am Unterholz-Hof ein. Den elterlichen Hof führt meine Mutter weiter, zusammen mit einem neuen Lebenspartner und einer meiner Schwestern. Als ich auf den Bergbauernhof meines Mannes kam, gab es dort kaum Maschinen(1983). Ich fühlte mich um Jahrzehnte zurückversetzt. Hier wurde noch viel wurde von Hand gemacht oder einfache Gerätschaften verwendet. Im Haus gab es weder Wasserleitung noch Klosett, doch der Männerhaushalt war erstaunlicherweise mit elektrischem Ofen, Mixer und elektrischer Mohnmühle, aber ohne Waschmaschine ausgestattet.

Im Stall wieherte neben ein paar Kühen Max, das Arbeitspferd, das noch bis Anfang der 1990er Jahre eingespannt wurde. Nachdem wir 1992 mit dem Käsen und mit der Direktvermarktung anfingen, überlegten wir eine Melkmaschine anzuschaffen. Aber wir verwarfen den Gedanken, wegen der hohen Anschaffungskosten, dem Lärm und dem täglichen Zeitaufwand fürs Waschen. Obwohl wir unseren Hof nach und nach mit gebraucht erstandenen Heugeräten ausstatteten, gibt bis zum heutigen Tag keine Melkmaschine bei uns. Wir schätzen das Handmelken und die damit verbundene Ruhe im Stall. Slow-Milk schmeckt uns.

Für und Wider

Wenn die Traktoren im Dorf im Sommer schnell einen Fleck niedermähen, dringt ein unangenehmes Winseln ins Ohr. Er stammt von den Scheibenmähwerken. Das Lärm, eine ständiges Auf- und Abschwellen, nervt wie Gelsen. Dass die als praktisch geltende Motorsense, die auch viel im Gemeindedienst verwendet wird, alles andere als ein gemütliches Rascheln erzeugt, merkte ich zum ersten Mal bei einem Spaziergang. Ich hatte unser Auto in die Werkstatt gebracht und nutzte die drei Stunden Wartezeit für einen Ausflug in die Ortschaft. Bald fand ich einen beschaulichen Weg entlang des Baches, daneben eine Parkbank. Es hätte wie im Paradies sein können. Vögel zwitscherten, in den Gärten blühte es üppig, kaum Lärm vom Straßenverkehr und die Sonne schien frühlingshaft warm auf mein neu entdecktes Plätzchen. Ich saß und las. Doch die Ruhe hielt nur bis zu jenem Moment, als jemand ein Wiesenfleckchen mit der Motorsense zu bearbeiten begann.

Bis dahin wusste ich nicht, wie laut dieses Gerät arbeitet: Ein nervraubendes Sirren, an dem nichts erholsam ist. Ich denke an bettlägerige Menschen, Erholungssuchende, SchichtarbeiterInnen und Babys, die aus dem Schlaf gerissen werden.

Wenn ich mich im Dorf umschaue, was sich allein im letzten Jahrzehnt verändert hat, sehe ich: Die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind weniger geworden, die Maschinen mehr. Und sie sind größer geworden. Wo vor zehn Jahren ein 1.700 Liter Jauchefass über die Wiese ruckelte, ist es heute ein 3.000er. Wo der Ladewagen achtzehn Kubikmeter in sich hinein fraß, sind es heute achtundzwanzig. Die größeren Maschinen kosten Geld, brauchen mehr Treibstoff und mehr Einstellplatz. Was wiederum verlangt, die Gebäude zu erweitern und zu mehr verbauter Fläche führt. - Unser Ladewagen mit seinen zwölf Kubikmetern läuft hier am Hof seit 1975, braucht genauso wenig Platz wie damals und wird uns weiterhin gute Dienste leisten.

 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 17. September 2010 )
 
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