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Ausgabe 313 PDF Drucken E-Mail

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Schwerpunkt "Netze"

Netzwerk versus Mainstream   von Siegfried Jäckle

 

Wenn ich Netzwerk höre, muss ich an meine Verabschiedung aus dem Beratungsdienst vor drei Jahren denken, bei der der Amtsleiter betonte, ich sei ein Netzwerker. Was er damit wohl meinte, ging mir lange durch den Kopf. Denn weder mit der Hierarchie der Administration noch mit dem politischen Filz rund um die Landwirtschaft hatte ich viel am Hut. Ob ich an ein Netzwerk angeschlossen bin, sagte mir bis dahin nur der Computer beim Ein- und Ausschalten. Erst bei einem späteren Gespräch wurde mir klar, warum er das betonte. Mein ungewöhnlicher  Informationstand war ihm aufgefallen, von dem in Bauernzeitungen- und Versammlungen kaum was zu  bemerken ist. Also muss ich ein Netzwerk mit Leuten haben außerhalb des Mainstream, der vorgibt, wie Landwirtschaft funktionieren soll.

In der Tat musste ich in meinem Doppelleben als Berater und Bergbauer immer häufiger erleben, dass die gängigen Beratungsempfehlungen aus dem Mainstream nicht zum  gewünschten Erfolg führten und die Schuld dafür bei den Bauern gesucht wurde. Das sei eben Wettbewerb, war auch in Süddeutschland und im Schwarzwald nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung zum Dogma geworden. Während die einen weichen sollten, wurden aber die Familien mit sogenannten wettbewerbsfähigen Höfen als vom Mainstream Getriebene auch nicht zufriedener. Die Frage, ob es nicht einen anderen Weg gibt, weckte bei mir die Neugier, wie andere Berggebiete damit umgehen. 

 

Bald bin ich auf ein Ökomodell in Hindelang im Oberallgäu aufmerksam geworden, das Medien als neuen Weg priesen. Grüne Spinnerei, war die Antwort, die ich auf dem Dienstweg erhielt. Für meine Neugier aber der Grund, Exkursionen dorthin zu organisieren um mehr zu erfahren. Von ähnlichen Entwicklungen auch im benachbarten Tannheimertal in Tirol erfuhren wir dort. Die Kontaktaufnahme mit der zuständigen Bezirkslandwirtschaftskammer in Reutte sollte zum Schlüsselerlebnis für mein Netzwerk werden. Bei der Exkursion dorthin hatte der Leiter der Bezirkslandwirtschaftskammer Richard Schöll zwei Zeitungen dabei: „Die Bergbauern" von der ÖBV und „Landwirtschaft und Leben" von Prof. Josef Willi. Sofort bestellte ich mir beide. Als mir 10 Jahre später Josef Willi nach einem Besuch bei ihm in Innsbruck ein Buch über die Zeichen des Mondes schickte, das von dem damaligen Leiter der Bezirkslandwirtschaftskammer Reutte stammte, wurde mir zum ersten Mal klar, in welchem Kreis ich mich befinde.

 

Meine erste Ausgabe von „Die Bergbauern" war die Nr. 182 - 2/94. Sie berichtete von 1000 Wochen ÖBV und öffnete mir den Blick auf diese ganze Bewegung für eine andere Landwirtschaft. Mit jeder Ausgabe verbreiterte sich dieser Blickwinkel und machte neue Kontakte außerhalb des Mainstream möglich. Die angebotenen Studien der Bundesanstalt für Bergbauernfragen lieferten den wissenschaftlichen Beleg dazu, um ernst genommen zu werden. Besonders hellhörig machten mich aber die wiederkehrenden Berichte über Konflikte von Franz Rohrmoser, weshalb ich ihn später mehrfach zu Vorträgen und Seminaren eingeladen habe. Denn auch ich bekam zu spüren, dass Informationen, die sich gegen den Strom richten, nur anfangs belächelt werden, dann aber bald Widerstand auslösen. Gefährlich wird es, wenn der Mainstream versucht, diese Informationen als Deckmantel zu integrieren. Um diesen Gefahren zu widerstehen, hat Franz Rohrmoser mir viele klare Empfehlungen gegeben, vor allem, den Deckmantel wegzuziehen und nicht zu polarisieren. Denn sonst wird die Gefahr groß, dass Netzwerke zerrissen werden oder sich selbst zerreißen. 

 

Irgendwann musste ich erkennen, dass das System des Wachsen und Weichen über eine so feste, starre und sture Organisationsstruktur verfügt, die nicht zu ändern ist. Weil es aber auch bei uns überall Bauern gibt, die nicht weichen wollen, fehlte ein Platz für den Diskurs über Veränderung. Die so gesammelten Informationen führten zur Gründung unseres Forum Pro Schwarzwaldbauern. Damit sind wir dann auch Mitglied im deutschen Agrarbündnis geworden, einem Zusammenschuss von rund zwei Dutzend Verbänden alternativer Bauern, Umwelt und Tierschutz sowie Entwicklung, der jedes Jahr auch den Kritischen Agrarbericht herausgibt. Der Geschäftsführer fragte mich nach einiger Zeit, ob ich  nicht im Vorstand mitarbeiten möchte. Dieses Angebot reizte mich, denn in einem so großen Bündnis müsste für eine andere Landwirtschaft ja mehr zu verändern sein.  

 

Die Erfahrung sagt mir in der Zwischenzeit, dass es bei den notwendigen Veränderungen weniger um Macht (durch Größe) geht, sondern um das „was vorstellbar ist". Das ist  auch in den Netzwerken ein Problem, die eine andere Landwirtschaft fordern, denn immer weniger der Engagierten stammen aus der bäuerlichen Welt und kennen sie nur aus den verklärten Formen der Idylle und Romantik. Eine Folge ist die Agrarbürokratie mit Dokumentation, Kontrolle und Zertifizierung, denn nach dem auch in diesen Kreisen herrschenden industriellen Denkmodell ist alles kontrollierbar. Für bäuerliche Familien ist das aber ein Monster, das zerstört, was erhalten werden soll. So ist auch die oft beklagte Konventionalisierung des Biologischen Landbaues zu erklären. Netzwerke für eine andere Landwirtschaft werden dadurch leicht wieder zum Feindbild für die alten Lager, wie wir es in der Diskussion um die GAP nach 2013 gerade erleben. .   

 

Netzwerke sind eben nur Netze. Ausgebreitet können sie unheimlich viel abdecken und immer weiter geknüpft werden. Im Gegenwind können sie aber leicht zusammenfallen oder durcheinandergewirbelt werden. Deshalb sollte man von Netzwerken nicht zuviel erwarten. Informell sind sie unschlagbar, strategisch durch ihre offene Struktur aber voller Löcher.

Ein Sprichwort sagt aber: Wissen ist Macht. Sind Netzwerke aus Wissen also doch mächtig?  Der neoliberale Mainstream gibt sich zwar allwissend, doch sein Wissen ist einseitig gewinnorientiert und in ökologischen und sozialen Fragen ignorant. So ist es nicht verwunderlich, dass der Zivilgesellschaft immer mehr politische Bedeutung beigemessen wird. Netzwerke von Vordenkern sind bekanntlich die Keimzelle dafür.

 

Bald täglich wird uns vor Augen geführt, dass der Mainstream des industriellen Denkmodells die Herausforderungen unserer Zeit, wie Finanz- und Wirtschaftskrise mit anhaltender Arbeitslosigkeit, Klimawandel und  Verknappung der Energie, nicht mehr beherrscht, sondern von ihnen getrieben wird. Bäuerinnen und Bauern drohen in diesem Strom noch mehr an den Rand zu geraten, obwohl die Lebensgrundlagen Aller von dieser Minderheit abhängen. Bestätigt doch der Weltagrarbericht klar und deutlich, dass die kleinen Bauern und nicht die industrielle Landwirtschaft die Ernährung sichern. Hier schließt sich für mich wieder der Kreis zu den ersten Kontakten mit der ÖBV und der „Bäuerlichen Zukunft". Über sie bin ich nämlich auch auf das Buch „Eine Kuh für Hillary" von Veronika Bennholt-Thomsen und die Subsistenzforschung aufmerksam geworden.  Ernährungssouveränität und Subsistenz als bäuerliche Tugend zusammen zu bringen, darin sehe ich die neue Herausforderung von Netzwerken für eine andere Landwirtschaft.

 

Mit Internet und Mail stellt die Informationstechnologie des Mainstream ihren gegnerischen Netzwerken Werkzeuge zur Verfügung, die sie schneller und schlagkräftiger machen.

Schneller als hierarchisch organisierte Organisationen, Unternehmen und Administrationen. Hiermit will ich den Kreis um die Bedeutung der Netzwerke zum letzten Mal schließen und Bäuerinnen und Bauern zum Einmischen statt Mitlaufen auffordern. 

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 18. Mai 2011 )
 
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