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Neue Gentechnik, neues Glück? published on

Neue Gentechnik, neues Glück?

Mit der neuen Gentechnik haben wir ein neues Konfliktfeld. Offenen Fragen stehen aber Fakten gegenüber. Einige Überlegungen aus kleinbäuerlicher Sicht.

Von Franziskus Forster

Im Sommer 2018 hat der Europäische Gerichtshof ein richtungsweisendes Urteil gefällt(1): Auch die neuen technologischen Möglichkeiten der Manipulation des Erbguts von Pflanzen und Tieren sind wie GVOs zu regulieren (insbesondere betreffend Zulassungsprüfung und Kennzeichnung). Das war bisher nicht klar, weshalb es überhaupt zu der Klage kam. Geklagt hatte unter anderen die französische Via Campesina-Organisation Confédération Paysanne. Grundlage des Urteils ist eine konsequente Auslegung der bestehenden europäischen Rechtslage, zentral ist dabei die Anwendung des Vorsorgeprinzips. So weit, so klar.

Heftiger Protest

Seither sind in den Medien aber vor allem Gegenstimmen zu hören. Eine mächtige Stimme wird im Namen der Wissenschaft erhoben. Eine andere Stimme im Namen des Fortschritts. Eine im Namen der Zukunft der Welternährung und noch viele mehr. Kürzlich haben selbst Andreas Steidl, Geschäftsführer von Ja! Natürlich (2) und Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in Frick (FibL) (3), für eine Öffnung der Biolandwirtschaft plädiert.

Auffallend ist, dass in vielen Medien fast ausnahmslos Gentechnikbefürworter*innen zu Wort kommen. Man nennt dies Spin: verzerrte Annahmen ohne Belege und einseitige Berichterstattung. Das Urteil sei unwissenschaftlich, fortschrittsfeindlich (ergo: rückschrittlich) und schwäche die Innovationsfähigkeit Europas. Verknüpft ist diese Berichterstattung mit technologischen Versprechen und Argumenten wie: Die neuen Technologien seien präziser und gezielter, damit sicherer, weil weniger riskant und gefährlich, kostengünstiger und innovativer, weil schneller. Aufgrund dessen brauche es keine Zulassungsprüfungen, Kennzeichnung und Risikoprüfung.

Vorweg: Viele dieser Stimmen tun so, als hätte der EuGH ein Verbot ausgesprochen. Das ist nicht der Fall. Es wurde eine Regulierung festgelegt. Eine unregulierte Freisetzung wäre die Alternative. Und: „Die“ Wissenschaft ist keineswegs für die neue Gentechnik. Es gibt viele gut begründete Streitpunkte, Kritik und offene Fragen. (4)

Was lernen wir aus der alten Gentechnik?

Die Vorteile werden meist im Vergleich festgehalten, ohne aber explizit auszusprechen, was der Bezugspunkt ist: Präziser als was? Sicherer als was? Sofern mitgemeint ist, dass die neuen Technologien präziser und sicherer als die alte Gentechnik sind, dann liegt ein Umkehrschluss nahe: Die alte Gentechnik war und ist nicht sehr präzise und ist insofern gefährlich. Dann wurde das noch nie so deutlich ausgesprochen wie heute. Zugleich: Die Macht von Biotechnologiekonzernen war nie größer und konzentrierter als heute (5). Weltweit werden soziale, ökologische und ökonomische Schäden und Abhängigkeiten dokumentiert. Und Lizenzgebühren und neue Resistenzen (z.B.: Superweeds) treiben die Kosten für die Bauern und Bäuerinnen weit in die Höhe. Fragen zu Risiken sind bis heute nicht beantwortet. Was heißt also „besser“? Sollte nicht am „Alten“ etwas geändert werden? (6)

Präziser ist nicht genau und sicherer ist auch nicht sicher

Halten wir aber auch fest, dass „präziser“ nicht genau heißen muss. Oder auf österreichisch: „Präziser“ heißt nicht, dass alles „passt“. Eine Lupe ist präziser als das freie Auge, doch die Sicht bleibt eingeschränkt. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn strittig ist, was alles im Blick sein müsste. Und „sicherer“ wirft weitere Fragen auf: Sicherer für wen, für was und auf welcher Ebene? DNA, Zelle, Organismus, in Wechselwirkung mit Ökosystemen, Menschen, Tieren, Insekten? Und: Welche Unsicherheiten bleiben bestehen? (7) Offene Fragen treten in der aktuellen Diskussion hinter eine Erzählung technischer Machbarkeit(sphantasien) zurück.

Wissenschaft als Marketing? (8)

Nun gehören Versprechen zur Wissenschaft dazu, das Streben nach Neuem gehört zur „DNA“ der Forschung. Aber das kann auch aus dem Ruder laufen. Um das zu verstehen, braucht es einen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen, die auch die Wissenschaft betreffen: Die neoliberale Ideologie hat für die Forschung vor allem Konkurrenz um Gelder und Köpfe gebracht, Verwertungs- und Steuerungslogiken der Privatwirtschaft wurden übernommen. Das wird wohl nirgends so deutlich, wie im Bereich der Life Sciences und der Biotechnologie. Um an Gelder zu kommen, gewinnen PR und Marketing an Bedeutung. Hier stellen sich Fragen der Unabhängigkeit der Forschung. Aber auch, inwiefern sich der Charakter der Wissenschaft dadurch ändert. Der Anreiz zur Übertreibung wächst: Und das hat Auswirkungen auf Versprechen. Auch das sind Risiken, die nicht außer Acht gelassen werden sollten.

Was passiert, wenn übertreibende Wissenschaft, wissenschaftsgläubige Investorinnen und Journalistinnen aufeinandertreffen, ja voneinander abhängen? Im Namen guter, solider Wissenschaft sollten hier dringend Fragen von Interessenskonflikten diskutiert werden. Dies gilt auch für die neue Gentechnik. Es ist nicht verwunderlich, dass anwendungsorientierte Forschung ein Interesse an Anwendung hat. Aber ihre Rolle sollte nicht übertrieben werden. Es braucht umfassende Risiko- und Grundlagenforschung, ebenso wie Forschung zu Alternativen. Diese Debatte muss sich von Verschwörungstheorien abgrenzen. Es geht vielmehr um jene schrittweisen, direkten und indirekten Effekte, die mit der Neoliberalisierung der Forschung einhergehen (können). Die Verquickung von Wissenschaft und Verwertungsinteressen ist gefährlich, das zeigt die Geschichte.

Das sind politische Fragen!

Zusätzliche Brisanz gewinnen diese Fragen dadurch, dass es hier um Eingriffe in und Patente auf Leben geht. Die politischen, ethischen und demokratischen Fragen können nicht durch einzelne Wissenschafterinnen beantwortet werden. Einzelne Disziplinen oder Forschungszweige dürfen nicht für alle sprechen, weder für „die“ Wissenschaft, noch für „die“ Gesellschaft. Wissenschafterinnen wurden nicht gewählt. Ihre Rolle liegt darin, gute, kontrovers und umfassend diskutierte und relevante Informationen zu schaffen. Marketing hat hier nichts verloren. Wissenschaft diskreditiert sich ansonsten selbst. Hier geht’s um Demokratie. Und die Frage: Wer profitiert?

Gut für die Kleinen?

Befürworter*innen argumentieren, dass die neuen Technologien kostengünstiger sind. (9) Und das sei das beste Mittel gegen die derzeitige Marktkonzentration, da die Zugangsbarrieren sinken und „kleinere“ Züchter auch mitmischen könnten. Mag sein, dass einzelne „kleinere“ Unternehmen auch etwas entwickeln könnten. Aber: Längst gibt es Kooperationsverträge mit entscheidenden Technologiefirmen, die Bayer und Monsanto ihre Privilegien sichern. (10) Bereits bisher wurden „kleinere“ Unternehmen weltweit in atemberaubendem Tempo aufgekauft. (11) Die Macht, Alternativen zu verhindern, steigt. Und vor allem das wird sich in der Züchtung abbilden. Bauern und Bäuerinnen wissen ganz genau, dass die Züchtung grundlegend ist. Die Basis dafür ist neben der Absicherung und Stärkung von bäuerlichen Züchtungsbetrieben die biologische Vielfalt selbst. Und das ist nicht gesichert. (12) Der Weg der neuen Gentechnik eröffnet vielmehr ein Spiel: „Russisches Roulette mit der Biologischen Vielfalt“. (13)

Vorsorge und Grenzen statt grenzenlose Nachsorge

Mit den neuen Technologien steigen auch die Anwendungsmöglichkeiten: bei Nutzpflanzen und Nutztieren, darüber hinaus aber auch bei Insekten, Wildtieren, Bäumen und Gräsern. Insgesamt lässt sich die Häufigkeit der Vererbung von gentechnischen Veränderungen erhöhen, etwa über sog. Gene-Drives. (14) All dies steht im Zusammenhang mit der biologischen Vielfalt insgesamt. Menschlich geplante Eingriffe in die biologische Vielfalt erhalten mit den neuen Technologien eine neue qualitative und quantitative Dimension. Welche Auswirkungen das genau haben wird, weiß niemand. Bereits ein einziger „Unfall“ hätte unabsehbare Folgen. Aktuell stehen wir vor einem nie dagewesenen Verlust der Biodiversität. Wir sollten uns bewusst sein, dass der Umgang mit neuen Technologien folgenreich ist und die Möglichkeiten von zukünftigen Generationen entscheidend berührt.

Aktuell werden die Grenzen des Wissens ignoriert oder ausgeblendet. Was können wir über Risiken sagen? Sind sie für alle gleich? Welche Unsicherheiten gibt es? Welche Rolle spielt Nicht-Wissen? Ignoranz ist keine gute Basis. Es braucht Vorsorge und Grenzen statt grenzenlose Nachsorge. (15)

Es braucht kleinbäuerliche Perspektiven!

Technologie ist nie neutral, sondern deren Entwicklung ist immer mit Interessenlagen verbunden. Welche Interessen werden aktuell vertreten? So wie der Bauernbund eine bäuerliche Scheineinheit unterstellt, so wird aktuell im Namen des Fortschritts eine Scheineinheit als Menschheit unterstellt. Nur Konflikt, Diskussion und Widerspruch können diese Täuschung aufdecken.

Wenn wir nun die Möglichkeit von Nicht-Wissen, Risiken und Gefahren anerkennen: Was passiert, wenn Nebenwirkungen oder Unerwartetes eintritt? Vorsorge gehört zu den Grundlagen bäuerlichen Wirtschaftens. Das Vorsorgeprinzip war noch nie so unter Druck wie heute. Dieses müssen wir gegen die Gentechnikbefürworter ebenso verteidigen, wie gegen die Handelsabkommen, die dieses Prinzip unterwandern.

Wer von oder gar im Namen des Fortschritts spricht, sollte nicht vergessen, einen Blick auf die Geschichte zu werfen. Auf über 700 Seiten hat die Europäische Umweltagentur Lehren aus der Geschichte dokumentiert, warum das Vorsorgeprinzip rückwirkend betrachtet ein Fortschritt war. Doch für viele Akteure scheint das Vorsorgeprinzip heute selbst das Problem zu sein.

In dieser Diskussion fehlen aktuell bäuerliche Perspektiven. Der Baukasten-Ansatz der Gentechnik, und die Annahme, alles steuern und kontrollieren zu können, steht dem bäuerlichen Systemansatz, dem Blick fürs Ganze entgegen. Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile. Das „Netz des Lebens“ (der Netze der biologischen Vielfalt, der Ökosysteme, des Bodenlebens, der vielfältigen Wechselwirkungen, der klimatischen Verhältnisse) ist komplex, an jedem Standort, weltweit. Das anzuerkennen, ist bäuerliches Einmaleins der Zukunft.

Es geht um das Recht, Landwirtschaft anders betreiben zu können. Es geht um bäuerliche Selbstbestimmung. Es geht um die Vielfalt, die erst durch die kollektive bäuerliche Intelligenz weltweit geschaffen wurde. Es geht um die Zukunft der bäuerlichen Züchtung. All das ist gemeint mit dem Recht auf Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Es geht um unser Recht auf Alternativen.

Franziskus Forster ist politischer Referent bei der ÖBV-Via Campesina Austria.

Quellen:

(1) Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 25. Juli 2018 (in der Rechtssache C-528/16). Für eine ausführliche Diskussion der “Neuen Gentechnik” und der verschiedenen Verfahren und Hintergründe siehe: Kritischer Agrarbericht 2019, Kapitel 9.

(2) „Stillstand wäre ein Rückschritt“, Gastkommentar von Andreas Steidl, Blick ins Land. Nr. 12, Dezember 2018, Seite 27,

(3) Vortrag auf der Universität für Bodenkultur, Wien, 15. Jänner 2019, “Biolandbau und Gene Editing – eine (un-)mögliche Kombination?”, Video und Folien siehe hier

(4) Zum Beispiel: European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER) (2017): ENSSER Statement on New Genetic Modification Techniques, siehe hier oder Stirling (2018): Is the new European ruling on GM techniques ‘anti-science’? STEPS-Centre, siehe hier.

(5) Philip H. Howard (2018): Global Seed Industry Changes, University of Michigan. und ETC Group (2018): Blocking the Chain. Konzernmacht und Big-Data-Plattformen im Ernährungssystem

(6) Then, Christoph (2015): Handbuch Agro-Gentechnik. Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt. Oekom Verlag

(7) Gelinsky, Eva / Hilbeck, Angelika (2018): Einseitige Angriffe und eine voreingenommene Berichterstattung zum EuGH Urteil über neue Gentechnikmethoden entlarven ein anmaßendes und unaufgeklärtes Wissenschafts-, Demokratie- und Rechtsverständnis. Siehe hier.

(8) Dieser Abschnitt stützt sich auf einen Text von Marcel Hänggi, den er am 14. Jänner 2016 in der „WOZ Die Wochenzeitung“ unter dem Titel “Wissenschaft als Marketing” veröffentlicht hat. Siehe hier.

(9) Deconinck, Koen (2018): Concentration in Seed Markets (OECD) oder auch Urs Niggli: siehe oben

(10) Then/Hippe (2018): Neue Gentechnikverfahren: zunehmende Monopolisierung von Landwirtschaft und Züchtung. Testbiotech Hintergrund.

(11) Philip H. Howard (2018): Global Seed Industry Changes, University of Michigan

(12) BÖLW-Positionspapier zur Pflanzenzüchtung und Arche Noah-Positionspapier zur Neuen Gentechnik

(13) Then /Bauer-Panskus (2017): Russisches Roulette mit der biologischen Vielfalt. Testbiotech

(14) Testbiotech (2018): Neue Gentechnik: Gene-Drive-Mücken und ETC Group (2018): Forcing the Farm. How Gene Drive Organisms Could Entrench Industrial Agriculture and Threaten Food Sovereignty

(15) Gelinsky/Hilbeck (2018): siehe oben

(16) Late Lessons from Early Warnings, Vol. I und Vol. II