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Manifest für einen Wandel in der Landwirtschaft, um die systemischen Klimakrisen zu adressieren published on

Manifest für einen Wandel in der Landwirtschaft, um die systemischen Klimakrisen zu adressieren

Bauern und Bäuerinnen und die Zivilgesellschaft rufen die EU auf, sich durch 13 dringende Aktionspunkte auf die unvermeidbaren Klimakrisen vorzubereiten

Überall auf der Welt sind nun die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise zu spüren. Von Norden bis zum Süden führen der Umfang und die Auswirkungen der aktuellen Klimakrisen unmissverständlich vor Augen: Je länger der aktuelle Weiter-wie-bisher-Ansatz fortgesetzt wird, umso schwerer, umfassender und irreversibler werden die Konsequenzen sein. Wir müssen dringend handeln und schnell Lösungen auf allen Ebenen umsetzen und wir müssen anerkennen, dass ärmere Teile der Bevölkerung und Sektoren der Gesellschaft mit niedrigeren Einkommen am schwersten getroffen werden.

Der Europäischen Dürrebeobachtungsstelle (EDO) zufolge waren im September 2022 59 % der EU mit einer Dürrewarnung oder einem Dürrealarm konfrontiert.[i] Diese Statistik bestätigt einen besorgniserregenden, aber gleichwohl sehr gut dokumentierten Trend, der sich über mehrere saisonale Zyklen hinweg immer weiter intensiviert hat. Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat betont: „alle möglichen Aktionen, die den Klimawandel adressieren, werden dringend benötigt: Nicht nur, um ihn zu reduzieren und damit 1,5°C nicht überschritten werden, sondern auch, um sich an ihn anzupassen.“[ii] Jedoch scheitern wir all diesen Anzeichen zum Trotz sowohl auf europäischer, als auch auf globaler Ebene dabei, den Status Quo zu verändern.

Der Klimawandel hat nicht nur Auswirkungen auf die Umwelt, sondern erhöht auch den Druck auf Ressourcen wie Wasser, Land, Wald und Produktionsmittel. Das verschärft politische und sozio-ökonomische Krisen und heizt Kriege, Hunger und die massenhafte Verdrängung von Menschen, sowie Migration an. Wir brauchen eine grundlegende politische Transformation, um diese Dynamik umzukehren. Um die Klimakrise zu stoppen und sich an diese anzupassen, braucht es tiefe ökonomische und soziale Veränderungen, sowie einen ernsthaften Einsatz für Frieden und Entmilitarisierung. Wir müssen daran arbeiten, den Kern unserer Produktions- und Konsumweisen zu verändern, um die Ziele des gesetzlich bindenden Pariser Abkommens[iii], der Sustainable Development Goals (SDGs)[iv] und der UN-Deklaration über die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten (UNDROP)[v] zu erreichen. In einem fairen Veränderungsprozess ist es zentral, die planetaren Grenzen und soziale Gerechtigkeit einzubeziehen. Das aktuelle landwirtschaftliche System, das hochgradig industrialisiert und zunehmend von natürlichen Kreisläufen getrennt wurde, emittiert in etwa 15 % der gesamten Treibhausgasemissionen der EU-27.[vi] Zugleich sind jedoch Bauern und Bäuerinnen unter jenen, die strukturell durch den Klimawandel am meisten betroffen sind, weil sie alltäglich mit natürlichen Kreisläufen arbeiten. Es ist nun bewiesen, dass die klein- und mittelbäuerliche Landwirtschaft viel resilienter als industrialisierte Modelle ist. Jedoch sind klein- und mittelbäuerliche Höfe politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen unterworfen, unter denen sie schlichtweg nicht überleben können.[vii] Bauernhöfe verschwinden mit einer alarmierenden Rate überall in Europa und mit ihnen verlieren wir Generationen von bewährtem Wissen, Know-How, Erfahrung und damit auch Möglichkeiten, um Lebensmittel nachhaltig zu produzieren.

Diese Bauern und Bäuerinnen fordern deshalb zusammen mit anderen Bürger:innen konkrete Maßnahmen und Unterstützung, um

  • einen Übergang hin zu nachhaltigen und systemisch ausgerichteten Produktionsmodellen voranzutreiben, um die Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft so schnell wie möglich zu reduzieren und um
  • die sich verschlimmernden Effekte des Klimawandels und der Biodiversitätskrise zu antizipieren und für Bedingungen planen zu können, die sich selbst im Fall eines fairen Übergangs einstellen werden.

Obwohl die EU-Institutionen diese Herausforderung erkennen, gibt es bisher einen Mangel an ausreichenden und konkreten Lösungen. Mit diesem Manifest rufen bäuerliche Organisationen zusammen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen die europäischen Institutionen dazu auf, an einem ambitionierten und fairen Wandel zu arbeiten, der Ernährungssouveränität, globale Solidarität, die Verteidigung des Friedens und die Anerkennung der Menschenrechte ermöglicht. Dies ist notwendig, damit die europäische Landwirtschaft in der Lage ist, mit den Herausforderungen des Klimas umzugehen und zugleich, damit ihre Auswirkungen auf das Klima radikal reduziert werden können. Die Europäische Union muss mit einem unvermeidbaren Wandel in der Landwirtschaft beginnen. Dieser Wandel muss fair und konsequent und robust gestaltet sein, er muss mit der Natur arbeiten und die lebensfördernden Systeme unterstützen.

Wichtig ist, dass diese Forderungen nicht isoliert voneinander umgesetzt werden, sondern als ganzheitlicher Fahrplan für einen systemischen Wandel verstanden werden. Die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung dieser Forderungen spiegelt die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung der Ökosysteme, der Sozialsysteme, der Arbeitssysteme und der Wirtschaftssysteme wider, die für eine nachhaltige Ernährung der Welt entscheidend sind.

An dieser entscheidenden Wegscheide für die europäische Landwirtschaft muss die EU 13 dringende Aktionen umsetzen:

  1. Handeln, um einen tiefgreifenden Wandel in der europäischen Landwirtschaft zu gewährleisten, um auf den Klimanotstand zu reagieren. Dies muss unter Einhaltung der Verpflichtung des Green Deal, niemanden zurückzulassen, erfolgen.
  2. Die Zahl der Höfe in Europa bis 2040 verdoppeln, indem die existierenden Höfe dabei unterstützt werden, 10 Millionen neue Höfe aufzubauen.
  3. Den Zugang zu Agrarland garantieren und die generationenübergreifende Hofnachfolge gewährleisten
  4. Die Rechte der Bauern und Bäuerinnen auf Saatgut und auf die Kultivierung der Agrobiodiversität schützen.
  5. Bestehende und künftige Bauern und Bäuerinnen im Hinblick auf nachhaltigere Praktiken und Agrarökologie unterstützen, beraten und schulen.
  6. Agrarfabriken innerhalb von 10 Jahren schließen.
  7. Eine Neuausrichtung der Verbreitung und Existenz von Tierhalter:innen in allen Gebieten in ganz Europa mit dem Ziel, dass bis 2035 die Tierbestände in der EU der Kapazität des Bodens zur Bereitstellung lokaler Futtermittel entsprechen.
  8. Beibehaltung und Durchsetzung des Ziels, synthetische Düngemittel um mindestens die Hälfte zu reduzieren und synthetische Pestizide bis 2035 schrittweise abzuschaffen.
  9. Sicherstellen, dass gesunde Lebensmittel durch einen Übergang zu regionalisierten (territorialisierten) Lebensmittelsystemen in der gesamten EU erschwinglich werden.
  10. Ungeprüfte, gefährliche Technologien verbieten und öffentlichen Subventionen für schädliche Produkte und Praktiken beenden.
  11. Das gleichberechtigte und gerechte Teilen der Wasserressourcen sicherstellen und wassereffiziente landwirtschaftliche Praktiken fördern.
  12. Einen 10-Jahres-Plan für das Auslaufen von Soja- und Palmölimporten entwickeln und dabei mit einem Verbot von GVO-Importen beginnen.
  13. Öffentliche Maßnahmen zur Regulierung und zum Schutz der Agrarmärkte und des Rechts auf Nahrung ergreifen.

Warum und wie jede dieser Maßnahmen ergriffen werden muss, wird in dem Hintergrundtext zu den zentralen Argumenten des Manifests ausführlich dargelegt.

Wir haben jetzt die Gelegenheit – vielleicht unsere letzte Gelegenheit – einen echten Wandel zu vollziehen und voranzutreiben, sowie die Herausforderungen der Klimakrise zu bewältigen. Bei der Verfolgung der Klimagerechtigkeit haben wir keine Zeit zu verlieren. Die wissenschaftlichen Prognosen sind eindeutig: „Ein schneller und weitreichender Wandel ist notwendig”.[viii] Mit jedem Tag, der vergeht, bewegen wir uns weiter in die falsche Richtung und die Dringlichkeit der Lage nimmt zu. Die politischen Entscheidungsträger:innen müssen handeln, um einen Systemwandel herbeizuführen. Die Zivilgesellschaft und die bäuerlichen Bewegungen sind bereit, diese Bemühungen zu unterstützen.

Initiitiert von:
European Coordination Via Campesina (ECVC)

Unterstützer:innen:

  • Corporate Europe Observatory (CEO)
  • FIAN Europe
  • Friends of the Earth Europe
  • Urgenci

Unterzeichnet von:

  • CNCD-11.11.11
  • European Community of Consumer Cooperatives (EuroCoop)
  • Fair Trade Advocacy Office (FTAO)
  • Feedback EU
  • Slow Food Europe
  • SOS Faim Belgium
  • The Transnational Institute (TNI)
  • Zero Waste Europe

 

Nähere Informationen auf der ECVC-Website

 

 

[i] European Drought Observatory, ‘Situation of Combined Drought Indicator in Europe’. Abgerufen am 23. September 2022 [Online]. Zugänglich unter: https://edo.jrc.ec.europa.eu/edov2/php/index.php?id=1000

[ii] Intergovernmental Panel on Climate Change, Global Warming of 1.5°C: IPCC Special Report on impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels in context of strengthening response to climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty, 1st ed. Cambridge University Press, 2022. doi: 10.1017/9781009157940

[iii] United Nations / Framework Convention on Climate Change, Übereinkommen von Paris. UN, 2016. [Online]. Zugänglich unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A22016A1019%2801%29

[iv] UN Generalversammlung (70th), Transforming our world : the 2030 Agenda for Sustainable Development. UN, 2015. [Online]. Zugänglich unter: https://digitallibrary.un.org/record/3923923

[v] Insbesondere Artikel 18. UN-Generalversammlung (73.), United Nations Declaration on the Rights of Peasants and Other People Working in Rural Areas. UN, 2018. [Online]. Zugänglich unter: https://digitallibrary.un.org/record/1661560

[vi] “Common Agricultural Policy and climate: Half of EU climate spending but farm emissions are not decreasing”, European Court of Auditors, 16, 2021. [Online]. Zugänglich unter: https://www.eca.europa.eu/en/Pages/DocItem.aspx?did=58913 – Dieser Prozentsatz beinhaltet die Nutzung von Treibstoffen für die Maschinen und die Beheizung von Gebäuden, aber beinhaltet weder die importierten Futtermittel, noch die Distribution und die Verpackung von Lebensmitteln.

[vii] R. Rossi, “Small farms’ role in the EU food system”. Europäisches Parlament, 5. September 2022. [Online]. Zugänglich unter: https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_BRI(2022)733630

[viii] IPCC, ebd.